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Zier dich!

Einfach zum Schmücken: Mit ihrem Label «miss lillys hats» hat die Wienerin Niki Osl einen neuen Hype um den traditionellen Blumenkranz ausgelöst.

Lifetime

Wenn die Sonnenstrahlen durch die Fenster des Ateliers auf die Vitrinen und den massiven Holztisch fallen, merken Besucher gleich, dass hier jemand am Werk ist, der eine grosse Liebe zu Vintage in sich trägt, und sie fühlen sich ein wenig wie bei Alice im Wunderland. Hier spielt jedoch eine ganz andere Protagonistin die Hauptrolle: Miss Lilly, Niki Osls Katze und Namensgeberin ihres erfolgreichen Labels «miss lillys hats». Die Liebe zu Tieren begleitet Niki Osl schon ein Leben lang. Früh engagiert sie sich im Tierschutz und ist seit einigen Jahren prominentes Testimonial für den Verein «Vier Pfoten». Ihre zweite grosse Liebe ist das Kunsthandwerk. 1979 als jüngere von zwei Töchtern einer alleinerziehenden Mutter in Wien geboren, wächst Niki Osl von klein auf mit Antiquitäten auf. Viel Geld ist nicht zur Verfügung, also wird auf Flohmärkten und in Secondhandläden gekauft. Mama Osl näht selbst Stoffpuppen und gibt den Blick fürs Detail und die Faszination für alte Dinge an die Tochter weiter. Schon als Kind beginnt Niki Osl, alte Hüte und Vintage-Stoffblumen zu sammeln, mit denen sie bald auch selbst handwerklich arbeitet. Ihre Mutter lernt von einem Onkel die traditionelle Kunst des Blumenkranzbindens und bringt es in der Folge ihrer Tochter bei. Sie beginnt damit, kleinen Blumenschmuck und Haarspangen anzufertigen. Ihre Freundin, die Modedesignerin Lena Hoschek, fragt sie schliesslich, warum sie nicht mehr aus dieser Leidenschaft macht, und nimmt Osls Werke mit nach München zu einem Pop-up-Store. Niki Osl ist skeptisch: «Ausser Lena haben mir alle gesagt, dass kein Mensch Blumenkränze tragen wird.» Ob sie sich ein Leben als Selbstständige vorstellen kann, weiss Niki Osl zu diesem Zeitpunkt auch nicht so recht. Mit 16 Jahren ist sie von zu Hause ausgezogen, hat als Strassenmusikerin Geld verdient, schliesslich ein Kolleg für Grafikdesign gemacht und dann längere Zeit in der Werbung gearbeitet.

Der Weg nach oben

Zumindest um das perfekte Marketing und den Auftritt nach aussen muss sie sich keine Sorgen machen. Sie lässt professionelle Bilder anfertigen, verfasst Presseaussendungen – und dann passiert es: Die «Vogue» Deutschland meldet sich bei ihr und bittet sie um Blumenkränze für ein Fotoshooting. Als sie davon am Telefon erfährt, ist sie gerade bei ihrer Mutter. «Ich habe gescherzt, dass ich jetzt reich werde, und wir waren beide ganz aufgeregt. Sie dachte, es wäre mein bester Freund, der mit verstellter Stimme angerufen hat.» Weitere Magazine ziehen nach, doch es kommt keine Reaktion seitens der Kunden, bis der Bühnenausstatter der Popsängerin Lana Del Rey an sie herantritt. Später stattet sie auch eines der Musikvideos aus, was den Startschuss für ihre erfolgreiche Karriere gibt. Als Lena Hoschek mit den Blumenkränzen schliesslich im Katalog ihrer Dirndl-Kollektion die Häupter der Models schmückt, erfasst der Trend auch die Welt der Trachten. Eine Richtung, die Niki Osl so eigentlich nie wirklich geplant hatte. Aber bekanntlich kommen die Dinge meist anders als geplant. Eine Sache, bei der sich Niki Osl jedoch immer sicher war, ist, dass sie mit ihren Kreationen nicht in die grosse Massenproduktion gehen möchte. Dafür ist ihr ein genau und mit viel Liebe zum Detail gearbeitetes Kunsthandwerk viel zu wichtig.

Feinste Handwerkskunst

Niki Osl verwendet für ihre Blumenkränze fast ausschliesslich Vintage-Blumen, die bis 1970 hergestellt wurden. Hier gibt es kein Plastik, die Blumen werden nicht geklebt, sondern mit einem eigens entwickelten biegsamen, aber dennoch sehr stabilen Draht gebunden, der anschliessend für mehr Komfort und besseren Halt mit Samt überzogen wird. Die Blüten aus Seide oder anderen filigranen Materialien werden von Osl selbst restauriert und oft in mühsamer Kleinarbeit und mit sehr viel Leidenschaft für die Sache aus der ganzen Welt zusammengesucht. Diese Einzigartigkeit ihrer Arbeit rechtfertigt auch den höheren Preis ihrer Blumenkränze, die mittlerweile auch schon Sammlerstücke sind. Aber nicht nur die einzigartigen, seltenen Blüten machen die Headpieces von Niki Osl so besonders. Ihre Liebe zum Handwerk, ihre sympathische Bodenständigkeit und der Mut zu starker Feminität scheinen in jeder ihrer Arbeiten durch.

© Jenni Koller