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Zen-Chic

Sie brachte eine ganze Modegeneration zum Schwarzsehen: Die Star-Kleiderdesignerin Christa de Carouge bleibt auch in der Rente ganz die Alte – eine Rebellin.

Lifetime

Geistige Transzendenz kann nicht nur durch Meditation unter einer Pappelfeige, wie es vom ersten Buddha Siddhartha Gautama überliefert wird, erreicht werden. Auch in der Modewelt ist spirituelles Erwachen möglich. Zumindest hinterlässt ein Gespräch mit Kleidermacherin Christa de Carouge diesen Eindruck. Die gebürtige Baslerin scheint Erleuchtung erlangt zu haben – und das obwohl sie sich selbst und andere lieber ganz in Dunkles hüllt. Ihre Kreationen sind ausschliesslich in Schwarz gehalten. Klassische Assoziationen mit Trauer und Tod hält sie für obsolet: «Heute hat die Farbe ganz andere Aussagen und Funktionen.» De Carouge sieht Schwarz als stärkste aller Farben, die Formen und andere Farben erst so richtig zur Geltung kommen lässt. An schwarzer Kleidung schätzt sie, dass sie den Träger tagsüber besonders sichtbar macht und nachts fast verschwinden lässt. Selbstaufgabe, ganz in buddhistischer Tradition quasi.

Schwarz vor Augen: Christa de Carouge bleibt sich selbst und ihrem (Lebens-)Stil stets farblich treu
Schwarz vor Augen: Christa de Carouge bleibt sich selbst und ihrem (Lebens-)Stil stets farblich treu

Innerer Kompass

Selbstfindung hingegen betreibt die Kreative schon seit frühen Jahren. Ihre Mutter war Schneiderin, ihr Vater Chefkoch im Zürcher Fünfsternehotel Baur au Lac. Dieser hielt gar nichts von der Idee, dass die Tochter in seine Fussstapfen tritt, galt die gehobene Gastronomie doch sehr lange als reine Männerdomäne. So besuchte Christa de Carouge (damals noch Furrer) die Kunstgewerbeschule Zürich. Als gelernte Grafikdesignerin war sie in Werbeagenturen tätig, bevor sie ihren ersten Ehemann kennenlernte. Durch den Textilkaufmann kam sie zur Mode, gemeinsam führten sie in Genf zwei erfolgreiche Läden. Nach der Trennung von ihrem Mann und einer zweiten geschiedenen Ehe eröffnete sie schliesslich ein eigenes Atelier unter dem Künstlernamen Christa de Carouge, der sich von einem Genfer Vorort ableitet. Sukzessive eroberte sie die Laufstege der internationalen Modemetropolen und wurde selbst zum grossen Namen der Branche. Weitere Läden in Zürich, Basel, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart und Wien zählen ebenso zu den Meilensteinen ihrer Karriere wie verschiedene Auszeichnungen – etwa der «Prix de l’Artisanat de Genève» oder der «Glory Award». 2013 entschied sich die Kleidermacherin – nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen –, in Rente zu gehen. Jetzt nimmt sie sich Zeit für die schönen Dinge des Lebens, was für de Carouge bedeutet: kochen, essen, mit Freunden ein Gläschen Wein trinken und vor allem mit ihrem (natürlich) schwarzen Hund spazieren gehen. «Ich könnte nie Zenbuddhist sein, weil ich nicht gern sitzend meditiere. Ich mache das lieber beim Spazieren und beobachte die Natur», erläutert sie ihren individuellen Zugang zum Thema Kontemplation. Die Kleidermacherin ging schon immer ihren eigenen Weg. «Rebellion liegt mir im Blut, heute ist sie vielleicht weniger ausbrüchig wie früher, aber trotzdem konsequent. Ich bin halt kein Massenprodukt», lacht sie. Ein gewisser Hang zur Rebellion wurde ihr auch Anfang dieses Jahres im Zuge der Initiative «Proberentnern» von Swiss Life attestiert. Dort wird sie als «Rebel Ager» klassifiziert, die in der Rente neue Herausforderungen angehen und das Bild vom Alter neu defi­nieren, heisst es. Beim «Proberentnern» trafen reifere und jüngere Schweizer zum amikalen Austausch aufeinander – Christa de Carouge etwa auf Jungregisseur Christophe M. Saber. Das ist aber keineswegs der einzige generationenübergreifende Kontakt der 80-Jährigen. Die Herausforderung als Rebel Ager findet sie nämlich in der Unterstützung ihrer «Erbin». «Deniz Ayfer ähnelt mir stark in Qualitätsanspruch und Ästhetik.» Gegenüber dem ehemaligen Laden der Mentorin in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich hat ein Shop mit den Kreationen von Deniz Ayfer eröffnet.

Kleidsame Inspiration

Genau wie in ihrer Lebensphilosophie schwingt auch in Christa de Carouges Mode ein gewisser Hauch von Fernost mit. Die erste Übungsstunde in «Kyudo» wurde zum inspirativen Moment auf spiritueller und modischer Ebene. Bei der japanischen Bogenschiesskunst spielt die buddhistisch-philosophische Komponente eine grosse Rolle, spezielle Kleidung und Anziehtechnik gehören ebenso dazu. Fliessende Formen, weite Schnitte und viele Schichten zeichnen ihre Kreationen aus – alles in Schwarz natürlich. Sie selbst bezeichnet ihre Kleidung als Behausungen für den Körper. Genau wie bei einem Haus bestehe auch in der Mode keineNotwendigkeit, alle sechs Monate alles neuzu machen. Und auch eine Kleidermacherinmit Hang zum Buddhismus grübelt immer wieder über eine der essenziellen Fragen der Menschheit: «Was ziehe ich heute an?»

© Deniz Ayfer