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Was für ein Klick

Polaroid war eine Sensation. Polaroid war praktisch. Polaroid war tot. Nun lebt sie wieder, die Sofortbildkamera. Mehr noch, sie boomt. Der einst schnellste Fotoapparat der Welt behauptet sich in der Welt der Digitalfotos.

Lifestyle

Klick. Ein Blitz. Rattern. Ein glänzendes Stück Papier wächst aus dem Schlitz der Kamera. Vorsichtig nehmen und … nichts drauf. Zwischen den Fingern ein schwarzes Quadrat mit weissem Rahmen. Und auf einmal beginnt die Magie. Es braucht sechzig Sekunden, bis der Moment erkennbar Gestalt annimmt. Zuerst blass und schemenhaft, dann klarer und schärfer. Nur Geduld. Da hilft auch kein Schütteln. Aus Schatten formen sich Personen. Im Hintergrund wachsen Palmen, das Meer beginnt zu glitzern, und die Sonne geht auf in den Gesichtern. Eine Momentaufnahme, die noch Jahre später am Kühlschrank hängt – oder an stilleren Örtchen.

Schnapp den Schuss

Während die anderen Urlaubsfotos von der Digitalkamera in einem vergrabenen Ordner am Desktop vergammeln oder sich zwischen den Erinnerungen in der Cloud verstecken, erheitert einen das Bild im weissen Rahmen jeden Tag aufs Neue. Das eine Gesicht ist leicht abgeschnitten, der Winkel ist etwas unvorteilhaft, die Belichtung könnte besser sein. Aber gerade das macht den Schnappschuss so besonders. Er ist nicht perfekt, aber so menschlich. Personen festgehalten, wie sie sind, ohne Filter, ohne Bildbearbeitung. Und ganz für einen allein, da ist nichts, was online geteilt werden könnte. Der Moment bleibt ein Unikat. Echt. Einzigartig. Unverfälscht.

Pics mit Pixel

Wer sich ein Sofortbild dieser Welt von einst machen möchte, dem rutscht die Digitalisierung vor die Linse, die sich mit Ellbogentechnik zwischen die Jahre 1970 und 2018 drängte. Mit der Jahrtausendwende stellte der Hype um die digitale Technik die analoge Fotografie komplett in den Schatten. Die Firma Polaroid schrieb rote Zahlen. Die Menschen stürzten sich auf die neuen Möglichkeiten. Digitalkameras, Smartphones. Auf einmal war es möglich, unbegrenzt Fotos zu machen, ohne für jedes Klick zahlen zu müssen. Und sofort war auf einmal unendlich langsam. Kein langes Warten, bis sich da ­etwas entwickelte. Keine sechzig Sekunden, nicht einmal einen Sekundenbruchteil. Das Geschossene erschien auf dem Bildschirm. Unmittelbar, gleichzeitig – und bereit, sich ebenso schnell bearbeiten zu lassen. Mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke bekam jeder seine Bühne, um sich zu präsentieren. Der Druck, sein perfektes Profil mit möglichst vielen schönen Momenten zu gestalten, ist ungebrochen. Der Drang, seine Urlaubsfotos mit der ganzen Welt zu teilen, vehement. Das Feedback direkt. Je mehr das Gezeigte dem Geschmack der virtuellen Gesellschaft entspricht, desto mehr gehobene Daumen erntet es. Daran wird der soziale Status gemessen, online und für alle sichtbar. Nach ein paar Tagen ist es wieder im Schlund des Internets verschwunden. Verdrängt von hundert neuen perfekt inszenierten Fotos. Die Sehnsucht nach dem Echten. Was gerade der jungen Generation immer mehr fehlt, ist das Reale. Wahre Freunde, echte Beziehungen, Offline-Erlebnisse, das Handfeste im Leben. Es geht um Entschleunigung, den Moment mit allen Sinnen ungestört zu geniessen. Darum, das Tor in die virtuelle Welt nicht mehr als einzigen Exit zu sehen. Alternativen zu suchen, die keine Wi-Fi-Verbindung brauchen. Schallplatten, Bücher und eben analoge Kameras.

Sofort im Bild

Unter den Suchenden war auch der Österreicher Florian Kaps. Zufällig fiel ihm auf einem Flohmarkt eine Polaroid-Kamera in die Hände, die sein Leben verändern sollte. Es war Liebe auf den ersten Klick. Ein Auslöser, sich ab nun der analogen Sofortbildfotografie zu widmen. Und das tat er. 2008 kaufte er die letzte Polaroid-Fabrik in den Niederlanden. Für schlappe CHF 209’000 bekam er die Möglichkeit, den Sofortbild­kameras neues Leben einzuhauchen. Ohne grosse Ahnung von Marketing und Verkauf gründete der Doktor der Naturwissenschaf­ten zusammen mit anderen Visionären das Projekt «Impossible Project». Gemeinsam gelang es ihnen nach zehn Jahren Stillstand in der Branche, die ersten Polaroid-Filme zurück auf den Markt zu bringen. Die Geschichte der analogen Fotografie erlebte ihre Fortsetzung. Begonnen hat sie einst mit einem Mann namens Edwin Herbert Land. Es war im Jahr 1943, als der junge Mann ein Urlaubsfoto von seiner Familie beim Skifahren in Santa Fe schoss, garniert mit herrlichem Wetter, Sonnenschein und schneebedeckten Bergen. Klick. Der Augenblick war konserviert auf einem Film in einer verschlossenen Box. Der Familienvater würde die Aufnahme erst in der Dunkelkammer begutachten können. Seine dreijährige Tochter war dafür zu ungeduldig. «Papa», fragte sie, «warum kann ich die Fotos nicht gleich sehen?» Ja, warum nicht?, fragte sich der Physiker und Harvard-Absolvent, ging spazieren und grübelte ein paar Stunden über das Anliegen seiner Tochter nach. Die Antwort war einfach: Er musste ein neues System entwickeln, das die Bilder sofort nach dem Auslöser ausspuckt.

Trennbilder

Es folgten Monate der Forschung im Labor. Edwin Land hatte bereits sein eigenes Unternehmen für Polaroid-Filter, das bis dahin aber nur bei Sonnenbrillen zum Einsatz kam. Nun sollte es auch die Fotografie revolutionieren. Nach nur einem Jahr waren die ersten Erfolge zu verzeichnen. Die frühen Testaufnahmen zeugen von der Faszination seiner Kollegen. Es wurden Fotos von allem und jedem gemacht. Von den Überresten vom Mittagessen, gestapelten Kartoffelsäcken, begeisterten Laborgehilfinnen. Und dann war es so weit. Am 21. Februar 1947 präsentierte Edwin Herbert Land im säulenverzierten New Yorker Hotel Pennsylvania seine jüngste Technik der Öffentlichkeit. Die Wissenschafter der Optical Society of America staunten nicht schlecht, als Land sich selbst fotografierte und nach sechzig Sekunden sein Porträt hochhielt. Ohne Umweg übers Fotolabor. Das Geheimnis dahinter hiess Trennbildverfahren. Dabei übertrug sich das Negativ durch Herausziehen des Trennbildes über eine Walze sofort als Positiv auf das Fotopapier. Die Gesellschaft sprach tatsächlich von ­einer Revolution. Anhänger nannten Lands Apparat die «Kamera mit der eingebauten Dunkelkammer». Zu Beginn verlangten die ersten Sofortbildkameras noch komplexe Handgriffe und führten regelmässig zu schwarzen Fingern. Fotografie für den Alltag. Die Hände schmutzig machen für den Fortschritt. Aber so wie der Pionier den Wunsch seiner Tochter erfüllen konnte, fand er auch für Fotografen bald eine saubere Lösung. Edwin Land entwickelte die erste alltagstaugliche Polaroid-Kamera namens SX-70. Sie war einfach zu bedienen, kompakt, praktisch und für jedermann geeignet. In diesem Sinne wurde die Kamera auch vorgestellt. Bei der Polaroid-Hauptversammlung 1972 zog der Erfinder die SX-70 lässig aus seiner Anzugtasche und schoss innerhalb von zehn Sekunden eine Serie von fünf Fotos. Damals war das bahnbrechend schnell. Eine verblüffende Technik.

Foto-fanatisch

Die Gesellschaft konnte jetzt drauflosschiessen. Ohne Hemmungen sozusagen. Denn was die Kamera an privaten Aufnahmen einfing, musste nicht mehr durch fremde Hände im Fotolabor. Keiner bekam mehr zu sehen, was nur für vier Augen bestimmt war. Jede Intimität war ein Motiv. Klick. Ein Blitz. Rattern. Und nach sechzig Sekunden konnte das Foto in der Brusttasche verschwinden – oder sonst wo. Fotografen machten aus der Technik Kunst. Allen voran Andy Warhol. Die amerikanische Pop-Art-Ikone machte die Polaroid-Kamera zu ihrem Markenzeichen. Immer und überall hatte Warhol seine Polaroid dabei und hielt alles fest, was ihm über den Weg lief. Meistens waren es die Stars der Zeit, die in seinen Studios, der Factory, ein und aus gingen. Er bekam sie alle vor die Linse, Musiker, Pornodarsteller, Schriftsteller, Politiker. Er war der Paparazzo der High Society. Ein Selfie mit John Lennon. Tina Turner, jung und ohne auftoupiertes Haar. Arnold Schwarzenegger als schmächtiger Junge. Seltene Anblicke, die faszinierten. Der Charme des ungezwungenen Seins, eingefangen für die Ewigkeit. Am liebsten verewigte sich der Künstler selbst. Zu den berühmtesten Porträts zählt das Doppelporträt von Oliviero Toscani, auf dem Warhol mit seiner Polaroid-Kamera in den Händen zu sehen ist, die wiederum ein Foto von seiner Person ausdruckt. Fotografieren und fotografiert werden. Ein Dokument der zwei Künstlerseelen in seiner Brust.

Stars des Moments: Vor Instagram gab es Andy Warhol, hier mit seiner Polaroid 105.
Stars des Moments: Vor Instagram gab es Andy Warhol, hier mit seiner Polaroid 105.

Neuaufnahme

Heute ist Polaroid wieder erstaunlich erfolgreich. In einer Zeit, in der das Warten so gar keine Anhänger mehr hat, macht es immer öfter Klick. Nach einer Flut an digi­talen Bildern steigt die Sehnsucht nach dem einen wahrhaftigen Foto. Nun kommt es wieder aus dem Schlitz der Kamera. Lässt sich angreifen. Drehen, wenden und herumreichen. Sogar Fingerabdrücke lassen sich darauf hinterlassen. Es ist eine Mischung aus digitalem Denken und haptischer Realität. Mit ein bisschen Geschick wird die Magie des Moments in dem kleinen Rahmen eingefangen. Oft macht der alte Look das Foto erst besonders. Etwas, das das digitale Foto nicht kann. Kein Wunder also, dass der Verkauf von Sofortbildkameras boomt. Die gleichnamige Firma hat sich auch wieder gefangen und das moderne Polaroid-Modell OneStep 2 herausgebracht – mit USB-Ladefunktion, einer Batterie und Selbstauslöser. Die ebenso erfolgreiche Konkurrenz nennt sich Fuji Instax. Lomo und Leica stellen Instant her. Die Sofortbildkamera für jedermann war das Ziel. Aber nicht jedermann sollte einfach so drauflosschiessen. Bei einem Euro pro Bild werden viele auf einmal wählerisch. Noch etwas, das den Reiz ausmacht: Es wird genau überlegt, was es wert ist, festgehalten zu werden. Die Besinnung auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Was für ein Klick.

Instant-Infos

Wussten Sie, dass …

… ein Sofortbild-Foto zu schütteln gar nichts bringt? Auch wenn sogar Outkast in seinem Lied «Hey ya!» singt «Shake it, shake it like a Polaroid picture». Die Bewegung stammt aus der Zeit, als das Foto noch trocknen musste, dem ist heute nicht mehr so.

… Apple-Gründer Steve Jobs den Erfinder Edwin Land als Vorbild für sein Marketing hernahm? Beide wussten, wie sie ihre Produkte perfekt inszenierten, sogar mit echtem Orchester.

… Vorstände des Polaroid-Unternehmens während der Verhandlung mit Kaps wegen Steuerhinterziehung vom FBI festgenommen wurden? Das war für Kaps die Gelegenheit, das Steuer zu übernehmen.

… es möglich ist, mit dem Smartphone Polaroid-Fotos zu machen? Dafür gibt es einen kleinen Drucker zum Mitnehmen, der ans Handy angesteckt wird. Foto auswählen, und schon spuckt er das analoge Foto aus.

… Modefotografen heute noch gern Sofortbildkameras verwenden, um unretouchierte, nicht perfekte Fotos der Models zu bekommen? Einer davon ist Bruno Bisang. Auch er hat seine besten Schnappschüsse in einem Buch mit dem Titel «30 Years of Polaroid» (2011) festgehalten.

… die lineare Polarisationstechnik nach Edwin Land bis heute bei Kameras und Sonnenbrillen zum Einsatz kommt?

Analoges Leben

Sofortbild, Vinyl und Co.

Florian Doc Kaps hat nicht nur die Polaroid-Fotografie gerettet, er hat auch viele andere Projekte in Wien aufgezogen.

2014 eröffnete er Supersense in der Praterstrasse 70 im zweiten Wiener Gemeindebezirk – ein Geschäft, in dem regionale Kulinarik auf analoge Technik stösst. Hier vereint sich der Duft von gemahlenem Kaffee mit frischem Acetat, dem Geruch jener Audioplatten, die in der Schallplattenproduktion zu den begehrtesten Sammlerstücken gehören. Eine Erlebniswelt zum Entschleunigen. Hier wird Büchern, Postern, Fotos und Schallplatten bei regionalem Essen neues Leben eingehaucht.

Gemeinsam mit dem 25 Hours Hotel hat Kaps das erste analoge Hotelzimmer Wiens geschaffen. Hier müssen Handy, Laptop und Co. draussen bleiben. Dafür gibt es jede Menge Vinyl für den Plattenspieler, VHS-Kassetten, die natürlich auf einem Röhrenfernseher angesehen werden, und eine Schreibmaschine, um etwas schwarz auf weiss festzuhalten.

Die Geschichte von Florian Kaps gibt es auch als Buch: «Polaroid: The ­Magic Material» (2016).

© Getty Images, Oliviero Toscani/VG Bild Kunst Bonn 2018, The Guy Bourdin Estate 2017/Courtesy of Louise Alexander Gallery