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Tonangebend

Weltenbummlerin Eliana Burki zeigt, wie modern und weltoffen Alphornmusik sein kann, und dass die archaischen Klänge auch therapeutisch eingesetzt werden können.

Out of the Box

Beim Eurovision Song Contest 1977 in London betrat die Pepe Lienhard Band die Bühne im Wembley Conference Center mit einem Alphorn. Die charakteristischen Klänge eröffneten den Schweizer Beitrag «Swiss Lady» – eine Hommage an das alpine Instrument, die damals den sechsten Platz erreichte. Sechs Jahre später wurde eine andere «Swiss Lady» geboren. Sie teilt die Leidenschaft für das Alphorn mit der Pepe Lienhard Band. Während Letztere damit Schlagermusik machte, setzt es Eliana Burki aber für Jazz-, Blues- und Weltmusik ein. Mittlerweile international erfolgreich, wurde ihr unkonventioneller Zugang zum Alphorn anfangs in der Schweiz misstrauisch aufgenommen. «Als Teenager war es schon schwierig, die Kritik zu verkraften, aber sie hat mich auch stark gemacht. Du darfst halt den Glauben an dich selbst nicht verlieren und musst dir treu bleiben», erklärt die gebürtige Solothurnerin. Wer bei Alphornbläserin an Tracht denkt, hat jedenfalls nicht Eliana Burki im Kopf. Im urbanen Setting an der Limmat in Zürich treffen wir eine moderne Frau in Lederminirock und Parka – immer mit von der Partie: ihre beiden Hündchen Miles und Lulu.

Ouvertüre

Sie erzählt uns von ihrer ersten Begegnung mit dem Alphorn. Eine Musikgruppe spielte zur Unterhaltung in der Zieleinfahrt eines Velorennens. Das fünfjährige Mädchen war zwar gekommen, um ihren Vater anzufeuern, der Radsport wurde aber rasch zur Nebensache, als sie die ungekannten Töne des Alphorns vernahm. «Der spezielle Klang drang sofort ganz tief in mein Herz. Da wusste ich, dass ich das Instrument selbst spielen will.» Gesagt, getan – Talent und Konsequenz machten sich bezahlt: Alphorn-Koryphäe Hansjürg Sommer nahm Burki als einzige Schülerin auf. Weniger begeistert von der jungen Musikerin zeigte sich etwa die Jury eines Jodlerfestes, wo sie einen Blues auf dem Alphorn spielte und damit prompt durchfiel. Aufgeben kam nicht infrage, sie ging ihren Weg als Enfant terrible weiter. Um sich voll und ganz der Musik widmen zu können, brach sie die Ausbildung zur Tiermedizinischen Praxisassistentin ab.

«Auch meine Kritiker sehen, dass ich authentisch bin. Ich mache einfach mein Ding.»

Ein mutiger Schritt, der sich gelohnt hat. Mit 17 Jahren spielte sie auf einem Jazzfestival, wurde daraufhin gleich unter Vertrag genommen und lebt seitdem von ihrer Musik. Ihrem Debütalbum «Eliana» aus dem Jahr 2003 folgten 2007 «Heartbeat», 2010 «Travellin’ Root», 2013 «Alpine Horn Symphonic» und vergangenes Jahr das Album «Arcadia». Meilensteine, die zeigen, dass Burkis Musik durchaus Anklang findet. «Einige meiner früheren Kritiker finden jetzt toll, was ich mache, andere können noch immer nichts damit anfangen. Das ist auch okay so. Aber immerhin sehen sie, dass ich authentisch und kein PR-Gag bin. Ich mache einfach mein Ding!», zieht die Musikerin selbstbewusst Resümee.

Interpretation

Sie ist aber keine Gegnerin von Althergebrachtem: «Für mich ist es schon wichtig, Traditionen weiterzugeben. Aber man muss auch loslassen und sich den Zeiten anpassen können. Das versuche ich mit dem Alphorn.» Dabei schätzt sie kleine, intime Shows, bei denen sie jeden einzelnen Zuhörer direkt erreicht, ebenso wie grosse Auftritte. Egal in welchem Rahmen die Konzerte stattfinden, mit ihrer avantgardistischen Musik macht Eliana Burki der ganzen Welt ein Stück Schweizer Kulturidentität auf moderne Art zugänglich. Das kommt nicht nur beim internationalen Publikum gut an. Die Alphornistin hat schon mit Grössen des Musik-Business wie Norah Jones, Joss Stone oder Beck zusammengearbeitet. Aber auch mit unbekannten Künstlern kollaboriert sie gern: «Auf meinen Reisen erfahre ich dadurch sehr viel von der jeweiligen Kultur. Egal ob Musiker bekannt sind oder nicht, ich will immer alle integrieren.» Die Kosmopolitin lernt das musikalische Erbe ferner Länder kennen und verbindet dieses mit den Schweizer Alphornklängen zu innovativen Kompositionen. So gelingt ihr die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne.

Gastspiel

Eliana Burki bewegt sich nicht nur zwischen Alt und Neu, sondern auch zwischen Nord und Süd, Ost und West. Nach vier Jahren in Los Angeles lebt sie jetzt zwar wieder in der Schweiz, in Zürich, unterwegs ist sie trotzdem oft und gern: «Dass ich beruflich so viel reisen darf, ist für mich ein wahr gewordener Traum. Die Erlebnisse in der Ferne beeinflussen auch meine Musik.» Wie etwa das Lied «Heart of Cairo»: Inspiration hierzu war ein Open-Air-Konzert – nicht in Ägypten, sondern vor der Zitadelle in Aleppo, das Eliana Burki kurz vor Ausbruch des Krieges in Syrien für ein geladenes Publikum spielte. Sie unterbrach den Auftritt und bat den Veranstalter, die Absperrungen zu öffnen, damit auch die unzähligen Zaungäste ohne Ticket die Musik geniessen konnten. «Das war dann eine ganz einzigartige Stimmung. Arm und Reich, alle gemeinsam haben die historische Umgebung, den Sonnenuntergang, die Musik erlebt. Eine sehr berührende Erfahrung für mich.» Affinität zum Mittleren Osten ist auch auf Burkis aktuellem Album «Arcadia» zu vernehmen. Darauf mischt sie arabische Klänge mit elektronischer Musik und natürlich ihrem Alphorn. Das nächste musikalische Projekt und die damit verbundene Reise sind auch schon geplant. In Südafrika werden neue Songs entstehen, die African Beats mit Elektronik verbinden. Davor tourt Eliana Burki aber noch mit «Ursus & Nadeschkin» durch die Schweiz und mit dem Bieler Symphonieorchester durch China. Im Fernen Osten findet sie auch einen Gegenpol zur Musik: «Ich praktiziere und unterrichte Yoga. Da kann ich gut Energie tanken. Der Lifestyle ist ein ganz anderer als in der Musikwelt. Die physische Komponente ist jedoch fast gleich. Bei Yoga und Alphorn geht es gleichermassen um Atmung und Erdung. Beides ist sehr emotional und tiefgründig.»

Musikstunde

Als Anfänger dem imposanten Instrument Töne zu entlocken, ist gar nicht so einfach. Doch nach ein paar Minuten klappt es schon ganz gut. Auch Eliana Burki ist zufrieden mit dem ersten Versuch. Die Klänge besitzen durch ihre vibrierende Art eine fast haptische Qualität, die den Spieler förmlich durchdringt – und auch den Zuhörer, zumindest wenn die Profi-Musikerin zeigt, was sie kann. Auch die Passanten am Limmatufer werden aufmerksam auf die mystischen und doch heimelig-warmen Noten, die Burki auf ihrem Alphorn spielt. Um auf dem Naturinstrument die richtigen Töne zu treffen, braucht es ein gutes Gehör. Schliesslich gibt es keine Tasten oder Seiten, die konkreten Noten zugeordnet sind. Eliana Burki spielt nur durch Lippenspannung die Naturtonleiter und erklärt dann: «Unten sind die Töne nicht so dicht wie oben, und dazwischen, da liegt das ‹Alphorn-Fa›. Es klingt etwas speziell. Im Zusammenspiel mit grossen Orchestern kann sich dieser Ton manchmal mit anderen Instrumenten reiben, aber ich setze ihn trotzdem gern ein. Ich will das ganze Potenzial des Instruments auskosten.» Dabei geht die Vollblutmusikerin auch über Grenzen hinaus und entwickelte etwa das Alphorn weiter. Gemeinsam mit dem renommierten Instrumentenbauer Jim Patterson hat sie in L.A. das «Burki-Horn» kreiert. An dessen Mundstück befindet sich ein Trompeten-Waldhorn-Aufsatz mit Tasten. So ist es möglich, auch chromatisch zu spielen – jenseits der Naturtonleiter. Um auf der Bühne mobiler zu sein, hat sie ausserdem das handliche Alphornsaxofon. Es ist geformt wie ein Saxofon, funktioniert jedoch wie ein Alphorn. «Auch wenn nicht geklärt ist, ob das Alphorn wirklich Schweizer Ursprünge hat, ist für mich in der typischen langen, geraden Form des Instruments mit dem krummen Ende die Wachstumsart der Bäume im Engadin erkennbar. Es ist aber auch egal, wo das Alphorn herkommt. Jede Kultur hat ein ähnliches archaisches Horn, das als Kommunikationsmittel eingesetzt worden ist.» Eine Art universelles Urinstrument also, das nicht nur auf Burki eine starke Wirkung ausübt.

Begleitung

Auch für den therapeutischen Einsatz eignen sich die vibrierenden Töne des Alphorns. An der Hochgebirgsklinik in Davos ist die Tonkünstlerin ehrenamtlich tätig. Als Klangtherapeutin arbeitet sie dort mit Kindern, die an Zystischer Fibrose leiden. Das Alphorn kann in der Behandlung dieser Erbkrankheit hilfreich sein, bei der die Sekrete der exokrinen Drüsen zu dickflüssig sind. «Wenn ich mit den Kindern nur 20 Minuten tiefe Töne spiele, löst sich schon der Schleim. Da braucht es dann nicht so viele starke Medikamente», erläutert die medizinisch versierte Musikerin. Aber sie sieht auch noch weitere Vorteile dieser Therapieform: «Musik macht Freude! Ich veranstalte gemeinsam mit meinen kleinen Patienten auch immer ein Konzert. Sie spielen Alphorn, ich begleite sie mit Klavier und Gesang. Da steht zur Abwechslung mal nicht ihre Krankheit im Mittelpunkt, das tut ihnen sehr gut». Überhaupt hält Eliana Burki Musik für heilsam, jeden Menschen für musikalisch – egal ob aktiv praktizierend oder passiv geniessend. «Jeder hat doch Bands oder Lieder, die einen berühren. Was das dann konkret ist, ist Geschmackssache.» – Seien es nun Schlager à la Pepe Lienhard, Weltmusik von Eliana Burki oder gar Kompositionen ganz ohne Alphorn.

Alphornlektion

Das kleines 1×1 der grossen Klänge

Alphorn wird in lockerem und festem Stand gespielt. Die Lippen werden an das Mundstück gesetzt und wie bei einer Trompete zusammengepresst, gleichzeitig aber so flexibel gelassen, dass die Luft durchströmen kann. Die dadurch entstehende Vibration produziert den Klang. Es geht um die Schwingung und nicht um Druck. Also nicht die Backen aufblasen oder hyperventilieren, sondern ruhig und tief ein- und ausatmen, dabei eine aufrechte Haltung bewahren. Wird der Mund zu einem Lachen geformt, entsteht ein eher hoher Ton, bei einem traurigen Gesicht eher ein tiefer Ton. Die Zirkularatmung ermöglicht einen kontinuierlichen Luftstrom aus dem Mund auch beim Einatmen. Fortgeschrittene können sie mit einem Strohhalm und einem Glas Wasser ganz einfach üben. Ziel ist, beim Hineinblasen in den Strohhalm das Sprudeln immer aufrechtzuerhalten und währenddessen durch die Nase einzuatmen.

© Weissengruber Fotografie