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Talentierter Freigeist

Rolf Knie liebt es, das Publikum immer wieder mit neuen, manchmal auch unkonventionellen Ideen zu überraschen. Und das tut er seit Jahrzehnten mit Erfolg.

Culture Talk

Als das Taxi vor der Finca des sehr bekannten Kunstmalers auf Mallorca hält, wird sofort klar, dass es sich hier um den richtigen Ort handelt. Rolf Knie hat dem riesigen Tor mit einem seiner berühmten Tiersujets, einen Elefanten, seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Der 69-jährige Schweizer verbringt jeweils gemeinsam mit seiner Frau Belinha die Sommermonate auf der siebtgrössten Mittelmeerinsel. Von der Hektik des Pauschaltourismus ist in dieser ruhigen Umgebung nichts zu spüren. In der Einfahrt steht ein Lastwagen, an dessen Tank gelbe Schläuche angeschlossen sind, die frisches Wasser in eine unterirdische Zisterne pumpen. Rolf Knie erklärt, dass viele Inselbewohner es bevorzugen, bei der Wasserversorgung auf einen Privatanbieter zurückzugreifen, da die Qualität des Leitungswassers auf Mallorca nicht überall gleich gut ist. Nach einem Rundgang durch den grosszügig angelegten Garten zeigt mir Rolf Knie stolz sein Gemüsebeet. Das mallorquinische Klima und ein idealer Nährboden scheinen im wahrsten Sinne des Wortes Früchte zu tragen. Tomaten, die so gross sind, dass manche Kürbisse vor Neid erblassen, Gurken, Basilikum, Salbei und vieles mehr. Der Traum jedes Hobbygärtners. Im lichtdurchfluteten Atelier des Künstlers steht ein grosser Tisch, bedeckt mitPlänen, Zeichnungen und einem Bühnenmodell seines neuesten Projekts.

Rolf Knie, sind Sie ein neugieriger Mensch?

Oh, ja. Ich glaube auch, dass die Neugierde der Ursprung einer gewissen Intelligenz ist. Eigentlich müsste die Neugierde ein Bestandteil der Kindheit sein. Alles sollte hinterfragt und der Lemming-Effekt bestmöglich vermieden werden. Sprich, wenn eine Person in eine Richtung geht, sollen nicht alle anderen ohne Wenn und Aber hinterher marschieren. Im Leben braucht es eine Lokomotive, die sämtliche Güterzüge zieht. Neugierde ist die Basis von Kreativität.

Talent, Disziplin, Freiheit und Abenteuerlust. Wie verbinden Sie diese vier Charakteristika mit Ihrer Person?

Wer mich kennt, weiss, dass dies alles auf mich zutrifft. Wobei Disziplin ein unglaublich wichtiger Faktor ist. Wer im Leben erfolgreich sein will, muss eine gewisse Disziplin an den Tag legen. Shooting-Stars hat es immer wieder gegeben. Oftmals endeten ihre Lebensgeschichten jedoch in Tragödien, weil sie über keine oder ungenügend Disziplin verfügten.

Wie verbinden sich Disziplin und Ungeduld miteinander?

Ganz schlecht. Sie sind wie Feuer und Wasser.

Ungeduld kann aber auch ein Antrieb sein, immer wieder nach vorne zu schauen.

Auf jeden Fall. Wer viele Projekte anreisst und oft gleichzeitig mehrere Pfeile im Köcher hat, kann nicht immer alles auf die lange Bank schieben, weil einfach die Zeit dafür fehlt. Ich möchte von meinem Team, das unglaublich wichtig ist und das ich sehr schätze, möglichst schnell Resultate erhalten. Da ich jedoch mit mir selbst sehr streng bin, gelten die hohen Anforderungen, die ich an mich stelle, auch für mein geschäftliches Umfeld.

Sie sind dafür bekannt, gern und immer wieder neue Wege zu gehen. Ganz nach dem Zitat von Hesse: Das Mögliche entsteht, wenn immer wieder Unmögliches versucht wird. Wo liegt für Sie der Reiz, bestehende Pfade zu verlassen?

Die bereits erwähnte Neugierde und die Flucht vor dem täglichen Sachzwang. Ein neuer Weg ist wie eine neue Liebe. Bei neuen Projekten sieht man alles durch die rosarote Brille. Nichts ist unmöglich, und die Energie scheint endlos. Es wurde noch nie etwas verändert, wenn alle gleich ticken. Ich persönlich liebe jede neue Herausforderung.

2019 ist ein ganz spezielles Jahr für die Familie Knie. Das 100-jährige Jubiläum des Schweizer National-Circus sowie Ihr 70. Geburtstag. Dynastien werden ja stets verbunden mit Dramen, Liebesgeschichten und Tragödien.

Mein Geburtstag ist eher ein Nebenschauplatz, denn ich bin nur ein winziger Teil der Dynastie. Das Jubiläum des National-Circus Knie ist viel wichtiger. Wir sind eine Familie und Menschen, die über mehr oder weniger Fähigkeiten verfügen. Mögliche Diskussionen innerhalb der Familie werden eigentlich nie an die Öffentlichkeit getragen. Mit Ausnahme des Geschäftlichen bleiben interne Gegebenheiten unter uns. Wir sind glücklicherweise keine öffentliche Institution, die Rechenschaft über alles ablegen muss.

Begonnen hat die Geschichte des Zirkus Knie mit dem angehenden Arzt Friedrich Knie im Jahr 1803, der mit der Liebe zu einer Kunstreiterin auch gleichzeitig die Faszination des Artistenlebens entdeckt hat. Danach schmiss er das Studium kurzerhand hin und zog mit der Künstlertruppe durch die Lande. Lässt das Virus Zirkus keinen Raum für andere berufliche Tätigkeiten?

Eigentlich bin ich der Erste, der aus dem Zirkus ausgestiegen ist. Wenn eine Person sich für den Zirkus entscheidet, geschieht dies aus zwei Gründen. Der eine ist, dass der Zirkus ein ganz eigenes Leben mit einer eigenen Dynamik hat, das für Aussenstehende nicht ganz einfach zu verstehen ist. Zweitens kennt und lernt ein Artist nur diesen einen Beruf. Ein Absprung in eine andere Tätigkeit und das damit einhergehende Verlassen der (Zirkus-)Familie wären daher eher problematisch.

Ein Stück Schweizer Geschichte: Die Zirkus-Dynastie geht zurück bis auf das Jahr 1803, als Friedrich Knie sein Künstler- und Seiltänzerunternehmen gründete.
Ein Stück Schweizer Geschichte: Die Zirkus-Dynastie geht zurück bis auf das Jahr 1803, als Friedrich Knie sein Künstler- und Seiltänzerunternehmen gründete.

Sind Sie eines Morgens aufgestanden mit der Idee, ein Musical zu produzieren?

Nicht ganz. Während der Planungsphase für die Aktivitäten von 2019 kam eines Tages Marco Rima (Schweizer Schauspieler, Kabarettist und Comedian, Anm. der Redaktion) auf mich zu und lancierte die Idee, die Geschichte der Knies in ein Musical zu verpacken. Ich war von diesem grandiosen Vorschlag sofort begeistert. Zu Beginn wollten wir das Projekt gemeinsam durchführen. Da Marco zu jenem Zeitpunkt jedoch sehr beschäftigt war und ihm ausserdem eine andere Richtung vorschwebte, entschieden wir, dass ich das Musical selber produziere. In Zusammenarbeit mit tollen Menschen ist dieses Werk danach Schritt für Schritt entstanden.

Worin lag der Reiz, ein Musical auf die Bühne zu bringen?

Die Kombination der Geschichte einer Familiendynastie mit einem speziellen Musikformat. Dass wir über so unendlich viel Material verfügten, machte die Aufgabe umso spannender. Mein Wunsch war auch, eine gewisse Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Wir wollten etwas kreieren, dass auch in 30 Jahren noch aktuell ist. Das Knie Musical ist nicht als Musical im klassischen Sinne zu verstehen. Der kleine Zusatz «Circus» ändert alles. Es soll unterhaltsam und nicht eine Dokumentation über unsere Familiengeschichte sein. Ein Musical dieser Art hat es noch nie gegeben. So haben wir beispielsweise gemeinsam mit dem weltbekannten Zauberer Dani Lary 16 Zaubertricks ausgearbeitet, die einfach so nebenbei in die Show einfliessen. Am Schluss möchte ich das Ganze so auflösen, wie Charlie Chaplin es in seinen Filmen tat. Tragisch, aber gleichzeitig das Publikum vom Druck entbinden. Und zwar mit etwas Lustigem oder mit etwas, das die Menschen in Staunen versetzt. Für mich wäre es das Schönste, wenn der Zuschauer am Schluss sagt: Schade, dass es schon vorbei ist.

Manege frei für ein Musical der Superlative - Rolf Knie kümmert sich persönlich um die 150 wunderschönen und historischen Kostüme, die für das Musical gefertigt werden.
Manege frei für ein Musical der Superlative - Rolf Knie kümmert sich persönlich um die 150 wunderschönen und historischen Kostüme, die für das Musical gefertigt werden.

Werden im Musical sämtliche Knie-Generationen thematisiert?

Ich beginne mit der ersten und ende mit der sechsten Generation, also mit Fredy, Louis, Franco und mir. Wir vier haben jedoch keine Rolle, sondern fungieren lediglich als Repräsentanten des neuen Zirkus. Von diesen sechs Generationen habe ich zwei ausgelassen. Der Grund hierfür lag darin, dass die Söhne jeder Generation fast immer die gleichen Namen hatten. Es wäre für den Zuschauer einfach zu anstrengend herauszufinden, welcher Generation die verschiedenen Szenen zuzuordnen sind. Auf der Suche nach einer geeigneten Lösung für die Namensthematik der vier Generationen ist mir ein wahrhaftiger Glückswurf gelungen. Kleinwüchsige haben im Zirkus stets eine relativ wichtige Rolle gespielt. Zufällig bin ich auf einen kleinwüchsigen Schauspieler gestossen, der wie George Clooney aussieht. Er übernimmt die Rolle des roten Fadens und liefert dem Zuschauer jeweils Anhaltspunkte über die jeweiligen Epochen.

Welcher Knie hat den Zirkus am meisten geprägt?

Mein Vater Fredy senior. Im Jahr 1935 nahm er im Alter von 15 Jahren die Zügel des Zirkus in die Hand, obwohl zu jener Zeit der Pleitegeier über den vier Gründern kreiste. Er hat den Zirkus sozialisiert und ihn dahin gebracht, wo er heute ist. Branchenunabhängig prägen herausragende Persönlichkeiten oft ein Unternehmen massgeblich, hinterlassen andererseits aber auch den kommenden Generationen eine nicht immer leichte Aufgabe. Einen Familienbetrieb weiterzuführen gestaltet sich häufig als Herausforderung und kann für die Nachfolger ein Glück, aber auch eine Last sein. Und wenn mehrere Personen mit im Spiel sind, besteht die Möglichkeit von Machtkämpfen. Mein Vater und ich hatten oft unterschiedliche Meinungen, aber wir respektierten uns stets gegenseitig. Ich vermisse ihn unglaublich, auch heute noch. Als er 2003 starb, war mir die Dimension des Verlustes nicht bewusst. Entsprechend wird er auch im Musical eine zentrale Rolle innehaben. Es werden viele Momente aufgezeigt, die gar niemand kennt.

Die früheren Generationen der Familie Knie schienen fest in männlicher Hand gewesen zu sein. Welche Rolle kam den Frauen zu?

In unserer Familie herrschte das männliche Geschlecht tatsächlich vor. Die Männer starben jedoch immer vor den Frauen, und diese übernahmen dann die Geschäfte. Als um 1900 die Umwandlung der Arena in einen Zeltzirkus zur Debatte stand, wehrte sich Marie Knie, die nach dem Tod ihres Mannes das Zepter führte, vehement gegen diesen Vorschlag. Im Musical werden tolle Szenen zu sehen sein, wie sie sich gegen Neuerungen sträubt. Auch Margrit Knie, die Mutter meines Vaters, war eine sehr starke Persönlichkeit. Sie hatte die volle Kontrolle über die Finanzen und starb praktisch an der Kasse.

Ist der ganze Knie-Clan zusammengesessen, um die vielen Geschichten zusammenzufügen?

Vor zwei Jahren habe ich mit zahlreichen Regisseuren und Drehbuchautoren geredet. Sie alle wollten im Musical eine Dramaturgie von Streit einbinden. Nach internen Diskussionen bin ich nach Mallorca gereist mit dem Plan, die Ideen und vorhandenen Informationen auf Papier zusammenzutragen, um dann alles dem Drehbuchautor zu übergeben. Nach drei Wochen intensiver Arbeit stellte ich fest, dass ich das Drehbuch eigentlich selbst geschrieben hatte. Dabei kam mir zugute, dass ich im Besitz alter Fotoalben und Dokumente bin, die mir mein Vater noch zu Lebzeiten übergeben hatte. Darin kommen Erzählungen wie beispielsweise die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs vor. Damit verbunden waren die Gewissensbisse meines Vaters, das Richtige zu tun. So konnte er beispielsweise den Händedruck von Hitler vermeiden, indem er vorgab, sich nach der Vorstellung um ein krankes Pferd kümmern zu müssen. 1943 war er gezwungen, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alles – inklusive Tiere – zu packen und Berlin unter Bombenhagel zu verlassen. Diese Szene wird im Musical auch vorkommen. Die Einbindung sämtlicher Familienmitglieder in das Projekt wäre viel zu komplex gewesen, da jede Person die Geschichte auf eine andere Weise interpretieren kann. Ich wünsche mir ganz einfach, dass meine Familie sich freut und das Musical geniesst.

Haben Sie die Sänger und Artisten selbst gecastet?

Nein, da ich meine eigenen Grenzen gut kenne. Patric Scott, der die Liedtexte und die Musik geschrieben hat, wählte die Sänger nach ihren musikalischen Eigenschaften selbst aus. Die insgesamt 850 Anmeldungen wurden auf 180 reduziert. Nach dem Vorsprechen, Vorsingen und Vortanzen haben wir uns letztendlich für 14 Künstler entschieden. Florian Schneider, weltbekannter Opernsänger und profunder Kenner der Musical-Szene, wollte unbedingt dabei sein, obwohl er eigentlich nicht mehr auf der Bühne steht. Er ist in der Rolle meines Vaters Fredy zu sehen.

Welche Art von Musik erwartet der Zuschauer?

Auf ein Wort reduziert: Ohrwürmer. Patric Scott hat fantastische Arbeit geleistet. Von jedem Lied wird es eine Version für das Radio und eine für die Bühne geben.

Wie lange dauerte die Vorbereitungszeit für das Musical?

Wir benötigten sechs Wochen, um die drei Elemente Sänger, Artisten und Schauspieler zu einer Einheit zusammenzuführen. Die Vorbereitung war zentral, um keine Zeit zu verlieren. Jeder muss ganz genau wissen, was er zu tun hat.

Und werden Sie bei jeder Vorführung dabei sein?

Eigentlich sind Regisseure bis zum Premierenabend präsent und nachher nicht mehr. Da das Musical jedoch mein Baby ist und die Leute mich auch sehen wollen, werde ich sicherlich öfter vor Ort sein.

*Die Reise beginnt um 1800 am Österreichischen Kaiserhof und endet 1970. Haben Sie mit Österreich eine spezielle Verbundenheit? *

(Lacht) Ja, weil ich meine Frau dort kennengelernt habe. Ansonsten eigentlich nicht, obwohl Wien eine tolle Stadt ist.

Wie schwer war es, eine hundertjährige Geschichte so zu erzählen, dass sie keine zeitlichen Lücken aufweist und für den Zuschauer homogen wirkt?

Tatsächlich lag die grosse Herausforderung darin, die Geschichte auf eine Weise zu schreiben, dass der Zuschauer immer weiss, wo er sich zeitlich befindet. Die Proben werden daher ein wichtiger Anhaltspunkt sein, da sie aufzeigen, wo und weshalb wir allenfalls eine zusätzliche Stütze fürs Publikum einbauen müssen.

Die Kostüme leisten dabei sicherlich einen wichtigen Beitrag.

Auf jeden Fall. Es kommen über 200 Kostüme zum Einsatz, die die ganze Entwicklung der zweihundertjährigen Zirkusgeschichte aufzeigen. Toll ist, dass wir noch im Besitz sämtlicher Originalkostüme sind. Die Konstruktion des Bühnenbildes hingegen war ein zäher Kampf, da es sowohl für den Zirkus als auch fürs Theater funktionieren muss. Wenn alles gut läuft, wird das Musical später auch im Theater zu sehen sein.

Werden Sie nach den Aufführungen in der Schweiz auch den Schritt über die Grenze wagen und in Deutschland oder Österreich auftreten?

Ja, deswegen war es für mich von Beginn an wichtig, das ganze Projekt nicht von der Familie Knie abhängig machen. Für das Publikum ausserhalb der Schweiz soll es einfach die Geschichte einer Zirkusfamilie sein, die ganz klein angefangen hat und heute noch existiert.

Ein Musical auf die Beine zu stellen ist sicherlich kein finanzielles Leichtgewicht.

Die Sponsorensuche hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren unglaublich verändert. Es ist sehr viel schwieriger geworden, Partner für Projekte zu gewinnen. Um eine gewisse Abhängigkeit zu vermeiden, habe ich sogar einen Teil meiner schönen Autokollektion verkauft. Der Erhalt der künstlerischen Freiheit ist für mich essenziell, und ich mache in diesem Bereich ungern Kompromisse.

*Werden Sie auch auf der Bühne zu sehen sein? *

Nein. Ich könnte höchstens am Schluss singen, damit die Leute schneller nach Hause gehen (lacht).

Inwiefern haben sich das Ansehen und der Stellenwert des Zirkus in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Sehr. Vor allem auch durch die Diskussion rund um die Dressur und Tierhaltung, die ich nicht richtig finde. Die Medien geben den Tierschützern eine viel zu wichtige Position. Und diese warten oft mit schlechten Beispielen auf, die leider in jeder Branche zu finden sind. In einem gut geführten Zirkus fühlen sich die Tiere wohler als in der freien Wildbahn. Sie haben einen Kurator, einen Tierarzt, genügend Auslauf, ein soziales Leben und ausreichend Bewegung. Nicht selten wird die Öffentlichkeit mit einem falschen Bild konfrontiert, das wiederum Mitleid hervorruft. Der Löwe beispielsweise ist per se unglaublich faul und bewegt sich nur, um zu jagen. Wenn beispielsweise ein Raser erwischt wird, muss er für sein Vergehen korrekterweise bestraft werden. Aber wegen dieses einen Rasers wird ja nicht gleich die ganze Autobahn geschlossen. Wir sind das einzige Land weltweit, das ein Tierhalteverbot hat. Und dies nur, weil falsche Informationen ins Parlament getragen wurden. Da ich diese Entwicklung schon früh erahnte, beschloss ich bereits 2002, Salto Natale ohne Tiere zu machen. Gemäss Umfragen wünschen sich heute noch 80 Prozent des Publikums die Präsenz von Tieren im Zirkus.

Früher rannten jeweils Elefanten durch die Dörfer, um auf die Ankunft eines Zirkus aufmerksam zu machen. Heute geschieht dies eher auf der digitalen Ebene. Wer sich auf der Webseite des National-Circus der Gebrüder Knie aufhält, findet eher wenig Interaktives, beispielsweise Videoclips mit der Vorschau des neuen Programms. Wie muss sich der National-Circus Knie verändern, um für die nächsten Generationen fit zu sein?

Da ich nicht im operativen Geschäft des Circus Knie tätig bin, kann ich nur aus der Sichtweise des Salto Natale sprechen. Unsere Zuschauerzahlen steigen stetig an, weil ich ein Event kreiere. Der Zirkus hat heute nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Um die Aktualität aufrechtzuerhalten, muss ein Zirkus sehr schnell und feinfühlig reagieren, noch kreativer und innovativer sein. Und natürlich noch mehr auf die Kosten achten. Dass ein Zirkus immer noch erfolgreich arbeiten kann, beweist der Cirque du Soleil. Wichtig ist, nicht auf möglichen Traditionen zu beharren. Der Zirkus wurde noch nie auf einer Tradition aufgebaut, sondern hatte stets eine Avantgarde-Funktion. Kreative Köpfe gehören an die Spitze, sie müssen jedoch von Spezialisten flankiert werden. Früher machten Zirkusdirektoren alles selber. Entsprechend limitiert waren auch die Möglichkeiten. Gute Ideen müssen nicht unbedingt teuer sein.

Herr Knie, herzlichen Dank für das Gespräch!

Unternehmer und Lebenskünstler

Tausendsassa

Als Rolf Knie am 16. August 1949 in Bern den ersten Schrei von sich gab, wusste er noch nicht, dass Zirkusblut durch seine Adern fliesst und er mit jeder Menge Talenten gesegnet ist. Seine Mutter Pierrette Dubois war 17-fache Schweizer Meisterin im Tennis und 10-fache Landesmeisterin im Paarlauf der Eiskunstläufer. Vater Fredy Knie senior amtete als Direktor des Schweizer National-Circus der Gebrüder Knie. Der Sprössling der sechsten Generation der Familie stand schon früh im Scheinwerferlicht des Chapiteau. Zuerst als Clown, später als Kunstreiter und Dresseur von Giraffen, Nashörnern und Nilpferden.

Den Zugang zur Komik fand Rolf Knie durch die Zusammenarbeit mit Gaston Häni, die im Jahr 1972 ihre Anfänge verzeichnete. Gemeinsam trat das erfolgreiche Clown-Duo bis 1983 im Zirkus und im Fernsehen auf. Im Alter von 27 Jahren entdeckte Rolf Knie seine Faszination für die Malerei und begann die Zirkuswelt zeichnerisch festzuhalten. Eine Leidenschaft, die ihn bis heute nie mehr losliess. Es folgten nationale und internationale Ausstellungen wie in Deutschland, Spanien, Frankreich, Monaco, Singapur, Peking, Uruguay und in den USA.

Im Jahr 2002 feierte Rolf Knie mit seinem Sohn Gregory die Premiere des Weihnachtszirkus Salto Natale und 2011 von Ohlala, dem Erotikzirkus. Die beiden neuen Konzepte fanden beim Publikum sofort grossen Anklang und überzeugen Jahr für Jahr mit neuen aussergewöhnlichen Shows.

Das jüngste Projekt von Rolf Knie, KNIE – Das Circus Musical, erzählt die wahre und unbekannte Geschichte über 200 Jahre Dynastie Knie in einer packenden Musical-Weltpremiere. Die Knies widerspiegeln die Zeitgeschichte – schon vor der Gründung des National-Circus 1919. Sie erlebten die Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress 1815, machten Kriege und Wirren durch. Und wurden vom Wirtschaftswunder des 20. Jahrhunderts wieder nach oben getragen. Mitwirkende des Musicals sind international bekannte Stars wie Florian Schneider, Alexander Klaws und viele andere.

Daten:

Dübendorf: 12. 3. bis 3. 5. 2019

Bern: 7. 6. bis 7. 7. 2019

Basel: 5. 11. bis 22. 12. 2019

Informationen unter http://kniemusical.ch

© Cleu Caldeira, Rolf Knie Kunst AG