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Schimmern in der Schale

Himmlische Tropfen, wertvolle Meerestränen oder versehentlich verschluckte Sandkörner: die Perlenexperten Anton Heldwein und Jörg Gellner über die Magie der Juwelen der Natur.

Portrait

Über Perlen zu sprechen, heisst Märchen erzählen: himmlische Tropfen, die sich im Dunkel einer Auster zu einer Perle entfalten. Befruchtete Göttergaben, die schon mal per Blitz in die Ozeane gelangen. Oder doch Tränen des Mondes, die einst ins Meer getropft sind? Perlen sind die ältesten Juwelen der Menschheit und faszinieren seit Jahrtausenden – sei es mit ihrer natürlich schimmernden Schönheit oder mit sagenumwobenen Geschichten. Die Fakten zum Mythos erklärt der ausgewiesene Perlenkenner Juwelier Anton Heldwein. Er nimmt sich Zeit, um durch die geheimnisvolle Welt der Perlen zu führen. Für ihn «sind Perlen das femininste der Schmuckstücke». Er habe am liebsten die Tahiti-Zuchtperle, gesteht er. Diese strahlt in einem wunderschönen Überton, «Peacock» genannt, der von Grün über Rot bis Blau schimmere, sodass «fast die ganze Farbpalette eines Regenbogens darin sichtbar wird und dieser bei einer bestimmten Beleuchtung besonders gut zu sehen ist», schwärmt Heldwein. Der Juwelier steht auf, holt ein Perlencollier, legt es in ein Säckchen aus weissem Papier und hält dieses in den Schimmer der Lampe, die am Tisch steht. «Die Reflexion des Lichtes wird so weggenommen, und es ist nur noch das irisierende Licht der Perlmuttblättchen zu sehen.» Die Perlen funkeln in allen erdenklichen Farbschattierungen. Und neue Bilder steigen auf. Denn natürlich sind Perlen auch eine Liebesangelegenheit. Sie galten als die Früchte der Liebesgöttin Venus. Die Römer haben sogar den griechischen Namen «Margaritha» für Perlen als Bezeichnung für die Geliebte übernommen. Da kommt einem die überlieferte Geschichte des römischen Gelehrten Plinius in den Sinn. Laut ihm soll Kleopatra mit einer spektakulären Wette Marcus Antonius ihre Liebe bewiesen haben. Die Königin lud den römischen Feldherrn zu Tisch und versprach ihm das allerexklusivste Essen der damaligen Welt. Sie liess sich einen Becher mit Essig bringen, löste einen ihrer teuren Perlenohrringe vom Ohr und liess ihn in den Becher fallen, wo er sich auflöste. Danach überreichte sie Marcus einen Becher und den zweiten Ohrring. Einige Jährchen später, nämlich in den 1960er-Jahren, führte Richard Burton seine grosse On-Off-Liebe Liz Taylor mit einer ähnlich grossen Liebesgeste zu ausschweifenden Tänzen. Das glamouröse Schauspielerpaar verfiel einander ausgerechnet bei der Verfilmung «Cleopatra», er als der römische General, sie als die wunderschöne Herrscherin. Richard Burton ersteigerte 1969 für «die Liebe seines Lebens» ein doppelreihiges Perlencollier mit Rubinen. Doch damit nicht genug. Das Collier krönte die tropfenförmige Riesenperle «La Peregrina», die teuerste Perle der Welt. Vor Freude über das aussergewöhnliche Valentinstagsgeschenk soll die Taylor durch die Wohnung getanzt sein, wobei die kostbare Perle fast verloren ging. Der schimmernde Liebesreigen liesse sich wahrscheinlich endlos fortspinnen. Aber es ist nicht nur die Liebe, für die die Perle steht. Sie ist auch ein besonderes Zeichen von Eleganz und Stil.

Erotisches Juwel

Die Haare vornehm nach oben gesteckt, der Nacken frei und am Rückenausschnitt eine vierreihige, breite Perlenkette: Ein Bild von einer schönen Frau mit ausgeprägtem Stil-Appeal. Viele erinnern sich an die beperlte Holly Golightly alias Audrey Hepburn in dem Klassiker «Frühstück bei Tiffany». Die pretiöse Botschaft: Frau von Welt trägt einfach Perlen – sei es die stilbewusste Ex-Präsidentin Michelle Obama, die bildschöne Grace Kelly oder die extravagante Angelina Jolie. Sie alle unterstreichen ihre individuelle Persönlichkeit durch die schimmernde Ästhetik von Perlen. «Natürlich kommen einem sofort Ikonen wie Coco Chanel oder Liz Taylor in den Sinn», erklärt Jörg Gellner, ausgewiesener Perlenexperte über deutschsprachige Grenzen hinaus und CEO der berühmten Schmuckmanufaktur Gellner. «Doch auch heutige Superstars wie Beyoncé oder Rihanna setzen auf den weiblichen, glamourösen Charme der Zuchtperlen. Denn dank ihres zarten Glanzes, der glatten Oberfläche und der geheimnisvollen Farbschattierungen ist die Zuchtperle nach wie vor das erotischste Juwel überhaupt.» Aber sie bleibt nicht nur den Frauen vorbehalten. Wie auf dem bekannten «Vanity Fair»-Cover, auf dem die blauen Augen des früheren James-Bond-Darstellers Pierce Brosnan mit der dunklen Tahiti-Perle um die Wette funkeln. Doch wie spiegelt sich die anmutige Eleganz einer Perle am besten wider?

«Wenn eine rollende Perle schnurgerade ihren Weg zieht, wissen Sie, dass die Perle von der Form her perfekt ist.» - Anton Heldwein

Schmucke Inszenierung

«Ich bevorzuge Perlen in der Kette, aber auch ein schlichter Anhänger, eine Perle an einem zarten Ketterl, ist etwas sehr Feines», verrät Heldwein. Jörg Gellner kann hier nur zustimmen: Bei modernen Perlenschmuckstücken werde immer öfter eine grosse einzelne Zuchtperle in den Mittelpunkt des Designs gerückt. «Bei unseren beliebten ‹Rendezvous›-Colliers wird die Zuchtperle durch funkelnde Diamant-Tropfen (Briolettes) in Szene gesetzt.» Die perfekte Bühne für den Anhänger bildet eine lange, detailreiche Kette. So werde die Individualität, die jede Zuchtperle besitzt, noch verstärkt und beeindruckend inszeniert, so Gellner. Doch was ist das perfekte Mass für eine Perlenkette? «Das klassische Modell», erläutert Juwelier Heldwein, «ist 42 Zentimeter lang und wird knapp unter der Halslinie liegend getragen.» Sehr beliebt sei auch ein 90 Zentimeter langer Perlenstrang. Er könne doppelreihig, also auch einmal lang, einmal kurz, getragen werden. «Dann gibt es noch Ketten mit 1,20 Meter Länge.» Diese werden geknotet oder dreireihig getragen. Ob als Collier, am Ring oder am Ohr: Anton Heldwein und Jörg Gellner schaffen es immer wieder, Perlen perfekt zu inszenieren. Die beiden Häuser arbeiten schon seit Generationen zusammen. «Meine Mutter hat bereits bei seinem Vater Perlen gekauft. Man versteht einander, und Jörg Gellner hat ein Gespür für aktuellen Schmuck», lobt Heldwein.

Rundes Wunder: In Anton Heldweins Atelier bekommen Perlen die perfekte Fassung.
Rundes Wunder: In Anton Heldweins Atelier bekommen Perlen die perfekte Fassung.

Himmlische Perfektion

Doch wie lässt sich die Qualität von Perlen erkennen? Es gibt vier wichtige Qualitätskriterien: Zuerst einmal ist die Form wichtig. Da absolut runde Perlen sehr selten sind, gilt folgerichtig: je runder, desto wertvoller. «Wenn Sie eine Perle rollen lassen und sie schnurgerade ihren Weg zieht, dann wissen Sie, dass die Perle von der Form her perfekt ist», erläutert Heldwein. Aber auch die Beschaffenheit der Oberfläche ist ein wichtiges Kriterium. Sie sollte glatt und makellos sein. «Wenn Sie sehr genau schauen, können Sie kleine Wachstumsnarben oder Farbflecken entdecken. Je weniger Wachstumsnarben oder Flecken zu sehen sind, umso wertvoller ist die Perle», so der Experte. Dann ist da noch der sogenannte Lüster, der im Wesentlichen die Fähigkeit der Perle, Licht zu reflektieren, beschreibt. «Wichtig dabei ist, zu wissen, dass die Perlmuttschichten aus feinen Calcit-Plättchen bestehen, die für einen schönen Schimmer und die besondere Brillanz sorgen. Perlen mit wenig Lüster schauen hingegen eher wie weisse Kreide aus. Das Licht, das aus der Tiefe kommt, fehlt dabei», meint der Juwelier. Natürlich ist auch die Grösse der Perle ein massgebliches Kriterium. Der Standard liege hier bei einer Südseeperle etwa zwischen 9 und 15 Millimetern. Das kostbare Maximum sei eine Perle mit 19 Millimeter Durchmesser. «Grösser ist ganz selten», so Heldwein.

Zucht und Ordnung: Nachhaltigkeit ist bei Zuchtperlen Trumpf: Austern können nur unter perfekten ökologischen Bedingungen gedeihen.
Zucht und Ordnung: Nachhaltigkeit ist bei Zuchtperlen Trumpf: Austern können nur unter perfekten ökologischen Bedingungen gedeihen.

Perlen à la nature

Denn eines darf nicht vergessen werden: Perlen sind ein Wunder der Natur. Sehr lange hielt sich die Vermutung, dass Perlen von Muscheln verschluckte Sandkörner seien. Fakt ist, dass Muscheln aus einer Schutzreaktion heraus Perlen produzieren. Warum dies manche Muscheln tun, andere wiederum nicht, ist nach wie vor nicht klar. Dementsprechend wertvoll und selten sind Naturperlen. Dank der Experimente des Japaners Kokichi Mikimoto in den 1920er-Jahren lassen sich Perlen heute züchten. Mikimoto, der als Vater der Zuchtperlen gilt, ging bei seiner Arbeit fast pleite. Doch nun ist bekannt, wie mithilfe eines aufwendigen Verfahrens bei der Entstehung einer Perle nachgeholfen werden kann. Mit chirurgisch-genauen Methoden werden «Muscheln geöffnet und ein Perlenkern gemeinsam mit einer Art Mantelgewebe eingesetzt», so Heldwein. Als Immunreaktion sondert die Muschel Perlmutt ab, und es kann sich eine Perle bilden. «Die Wirtsmuscheln werden unter idealen Bedingungen in der richtigen Temperatur und in bester Wasserqualität auf künstlichen Bänken gehalten, damit sie den Nukleus nach und nach mit Perlmutt ummanteln können», erläutert Heldwein weiter. Doch die Natur kann natürlich auch ganz leicht einen Strich durch die Rechnung machen. «Die Zucht kann durch so unvorhersehbare Faktoren wie Wasserverschmutzung, schwere Stürme oder andere Naturgewalten vernichtet werden», so Heldwein. Da steigt der ideelle Wert der Perle gleich weiter an, und Jörg Gellner kann nur beigepflichtet werden, wenn er meint: «Perlen bedeuten mir sehr viel, sie sind einfach magisch.» Selbst für ihn als Mann gehören sie zur täglichen Garderobe, ob am Handgelenk oder als reiner Handschmeichler in der Hosentasche. «Perlen wollen gefühlt und gespürt werden, denn menschliche Berührung erhält ihren unwiderstehlichen Glanz.»

Schmuck-Know-how

Alles perlt

Damit Perlen lang schimmern: fünf gepflegte Tipps von Juwelier Anton Heldwein.

Perlen sind ein natürliches Produkt aus Calcit und Conchiolin. Sie vertragen keinen Alkohol.

Kleopatra soll eine ihrer grössten Perlen in Essig gelegt haben. Das sollte tunlichst vermieden werden, wenn verhindert werden soll, dass sich die Perle auflöst.

Make-up, Haarspray und Parfum gehören stets vor dem Tragen einer Perlenkette aufgetragen.

Entsteht das Gefühl, dass die Perlen vom Hautfett schmierig sind, einfach mit einem weichen Tuch abwischen.

Um das Reissen der Perlenschnur zu verhindern, sollte sie regelmässig neu aufgezogen werden. Wird zu lange gewartet, kann der Faden reissen, und die Perlen purzeln von der Schnur.

Perlenfarmen

Gewachsenes Vertrauen

Perlenexperte Jörg Gellner von der gleichnamigen Schmuckmanufaktur über die Zusammenarbeit mit Perlenfarmen:

«Um qualitativ hochwertige und besonders schöne Zuchtperlen ernten zu können, ist eine nachhaltige Perlenzucht unumgänglich, da Austern nur unter perfekten ökologischen Bedingungen gedeihen können.

Deshalb arbeiten wir eng mit fünf ausgewählten führenden Farmen zusammen, die alles dafür tun, das Paradies zu schützen, in dem ihre Perlen wachsen. Genauer gesagt sind das Paspaley (Australien), Robert Wan (Französisch-Polynesien), Atlas Pearls (Indonesien), Justin Hunter (Fidschi) und Jewelmer (Philippinen). Durch die engen Partnerschaften können wir die hohe Qualität und eindeutige Herkunft unserer Zuchtperlen sicherstellen.»

© Robert Wan, beigestellt