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Prost-Spender

Auf einen Bellini in Harry’s Bar oder einen Singapore Sling in die Long Bar. Ein Rundgang durch Kultbars auf der ganzen Welt.

Lifestyle

Weder verwandt noch verschwägert, getrennt durch 1’200 Kilometer und verbunden durch einen gemeinsamen Nenner: Ernest Hemingway. Der Kampftrinker unter den Literaten war sowohl in Harry’s Bar Paris als auch in Harry’s Bar in Venedig Stammgast. Die beiden Harrys eint nicht nur der legendäre Status in der Barwelt, sie haben auch jeweils einen Namenswechsel gemeinsam. Lassen wir hier der älteren Bar in Paris höflich den Vortritt: 1911 verschiffte der Ex-Jockey Todd Sloane ein original New Yorker Barmobiliar nach Paris und eröffnete in der 5, rue Daunou die New York Bar Paris. 1923 folgte mit einem neuen Besitzer, Harry Mac Elhony, der Namenswechsel – die erste American Bar auf dem Alten Kontinent hiess fortan Harry’s Bar. Stammgast Hemingway arbeitete hier zeitweise auch als Rausschmeisser, George Gershwin komponierte melodisch, aber lautstark, Humphrey Bogart und Clint Eastwood schneiten in Drehpausen rein, und Harry’s Bar erfand nebenbei berühmte Cocktails wie Bloody Mary oder Sidecar. Harry’s Bar war vor allem auch das verlängerte Wohnzimmer der amerikanischen Expats in Paris. Daran hat sich auch heute wenig geändert. Seit 1924 übrigens führen die amerikanischen Barfans in Harry’s Bar eine Probeabstimmung für die jeweilige Präsidentenwahl durch. Wer immer gewinnt, Republikaner oder Demokrat, mit einer Bloody Mary können sich die Wähler jedes Ergebnis schöntrinken. Während die Pariser Bar schon zwei Jahrzehnte fleissig Cocktails servierte, wurde in Venedig 1931 eher durch Zufall als durch Planung die zweite legendäre Harry’s Bar in Europa gegründet.



GELIEHEN UND GEWONNEN

Harry’s Bar Venedig geht genau genommen auf 10’000 Lire zurück, die der Hotelbarmann Giuseppe Cipriani aus Mitleid Harry Pickering, einem pleitegegangenen Reisenden aus Amerika, lieh. Völlig unerwartet für Giuseppe, denn er hatte nicht damit gerechnet, das Geld jemals wiederzusehen, stand der Amerikaner eines Tages mit einem Kuvert voller Lire-Scheine – und zwar der vierfachen Summe – vor der Tür und sprach die goldenen Worte: «Lass uns doch eine Bar zusammen eröffnen.» Heute ist Harry’s Bar Venedig eines der Wahrzeichen der Lagunenstadt. Zum morbiden Charme Venedigs passt, dass hier einrichtungsmässig die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Die Möblierung wurde seit der Gründung 1931 nie verändert. Auf den umgedrehten Sitzflächen mancher Stühle stehen die Namen berühmter Barbesucher wie Charlie Chaplin, John F. Kennedy oder Truman Capote. Apropos Ewigkeit: In Harry’s Bar wurde der Cocktailklassiker Bellini erfunden – der Mix aus Prosecco, püriertem Pfirsich und Zuckersirup gehört auch heute noch zu den Signature Drinks der legendären Bar.

«Cipriani ist sehr intelligent. Mehr noch, er ist fähig. Eines Tages wird ihm ganz Venedig gehören.» - Ernest Hemingway in seinem Roman «Über den Fluss und in die Wälder» über Giuseppe Cipriani, Barkeeper in Harry’s Bar in Venedig



GROSSE DESIGNER

In Harry’s Bar Venedig stand in den 40er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Mann namens Mirko Stocchetto hinter dem Tresen. Sein hier erlerntes Mix-Know-how setzte der gebürtige Venezianer 1967 in Mailand um, als er die alteingesessene Bar Basso erwarb, die schon seit den 40er-Jahren eine eher ungewöhnliche Strategie fuhr. Bars waren damals für Italiener vor allem Orte, wo sie Bier oder Wermut süffelten. In der Bar Basso wurden dagegen schon feine Aperitivi serviert. Mirko Stocchetto wandelte die Bar Basso endgültig in eine American Cocktail Bar um, liess eigene extragrosse Cocktailgläser designen und machte den Aperitivo so auch abseits von Hotelbars gesellschaftsfähig. Ausserdem erfand der findige Barbesitzer den Negroni Sbagliato – aus Versehen, weil er Schaumwein statt Gin in einen Negroni schüttete, aber der Erfolg gab ihm recht. Heute stehen auf der Karte der Bar Basso an die 500 verschiedene Drinks. Das allein würde üblicherweise schon für einen sicheren Platz im Bar-Olymp reichen – wenn nicht in den 80er-Jahren eine Gruppe von englischen Designern, angeführt von den damals berühmten Gestaltern James Irvine, Jasper Morrison und Ross Lovegrove, die Bar als besten Platz für das Après-Messe entdeckte. Mailands Möbelmesse, die alljährlich im April stattfindet, ist der wichtigste internationale Showcase der Möbelbranche. Und in der Bar Basso trifft sich jeden April eine Woche lang nach Messeschluss alles, was in der Designbranche Rang und Namen hat. So voll ist dann die Bar Basso, dass die Bar-Fans nicht nur am Trottoir, sondern im gesamten Kreuzungsbereich Viale Abruzzi / Via Plinio genussvoll ihre Cocktails schlürfen.



GROSSARTIG IM KLEINEN

Die Loos-Bar in Wien, ein bezauberndes Kleinod.
Die Loos-Bar in Wien, ein bezauberndes Kleinod.

Weltberühmt auf 27 Quadratmetern: Wiens Loos-Bar hat schon über 110 Jahre auf dem Tresen und wirkt dennoch so frisch wie gerade eben eröffnet. Ihr Schöpfer, der Architekt und Künstler Adolf Loos, der zu Unrecht als nüchterner Zeitgenosse galt, hat hier ein bahnbrechendes Meisterwerk geschaffen. Holz, Glas, Messing und Onyx waren die edlen Materialien seiner Wahl. Damit definierte Loos auch ein für alle Mal international, wie eine richtige American Bar auszusehen hatte. In einer kleinen Seitengasse der Kärntner Strasse, also im Herzen Wiens gelegen, übt die unter Denkmalschutz stehende Bar auch heute ihre ungebrochene Anziehungskraft auf Hipster, Anwälte, lokale Prominente, Künstler und das normale Fussvolk aus. Sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: die ungebrochene Liebe zu dem Architekturjuwel und keinerlei Berührungsängste. Die Bar ist nämlich immer randvoll und Gespräche mit den Menschen am Nebenplatz sind gang und gäbe.



HOCHGEISTIGES IN MÜNCHEN

Eines muss ihm gleich vorweg zugestanden werden: Charles Schumann kennt sich nicht nur im Barbusiness aus, er ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Er wird als Autor mehrerer Cocktail- und Barbücher geschätzt, aber vor allem des einschlägigen Standardwerks «American Bar», das 20 Auflagen erlebte und in elf Sprachen übersetzt wurde. Nicht nur Insider wissen übrigens, dass Schumann als Model für Baldessarini, Boss und Campari Erfolg hatte. Der Startschuss für seine Barkarriere fiel 1982, als Schumann in der Münchner Maximilianstrasse seine Bar eröffnete, die blitzschnell zum Treffpunkt der lokalen Schickeria wurde. 2003 siedelte die Bar in grössere Räume am Odeonsplatz um, wo sich das Schumann’s zur Restaurant-Bar mauserte. Gleich geblieben ist die Innovationskraft der frühen Bartage: Bei Schumann’s können Cocktails mit den ebenso kreativen wie witzigen Namen Flying Kangaroo, Leichtmatrose, Schwermatrose oder Tiefseetaucher genossen werden.



DURCH DAS ROSA GLAS

Das Raffles Singapore erstrahlt seit diesem Jahr in neuem Glanz.
Das Raffles Singapore erstrahlt seit diesem Jahr in neuem Glanz.

Frisches Glück für Luxushotel-Aficionados: Das legendäre Hotel Raffles Singapore, das über zwei Jahre wegen Renovierung geschlossen war, wurde diesen Sommer wieder eröffnet. Die 1887 etablierte Nobelherberge steht nun wieder in aller Pracht offen, und Cocktailliebhaber können im beeindruckenden Ambiente einen Klassiker geniessen: Denn die legendäre und auch aufgefrischte «Long Bar» im Raffles serviert seit einem Jahr wieder ihren wunderbar fruchtig-aromatischen Cocktail aus Gin, Kirschlikör, Bénédictine und Co., kurz den «Singapore Sling», der 1915 vom Raffles-Barkeeper Ngiam Tong Boon erfunden wurde. Die Hintergrundgeschichte dazu: Die Long Bar mit ihrer 13 Meter langen Theke war um die vorige Jahrhundertwende der angesagte Treffpunkt für Singapurs koloniale Elite. Während die Herren sich an einem Glas Gin oder Whisky labten, nippten die Damen, die in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken durften, an Fruchtsäften oder einer Tasse Tee. Der Clou am Singapore Sling: Mit seiner Pinkfärbung täuschte er vor, ein Fruchtsaft zu sein, obwohl er mit Gin und Likören aufgepeppt war. Kein Wunder, dass der Cocktail ein Instant-Hit wurde.



GLAMOUR IN GOLD

Glanz und Gloria in der Beaufort Bar im Londoner «The Savoy».
Glanz und Gloria in der Beaufort Bar im Londoner «The Savoy».

Mit Glamour und authentischem Art-déco-Feeling wartet die Beaufort Bar im Londoner «The Savoy» auf, das im Jahr 1889 als erstes Luxushotel Grossbritanniens Premiere gefeiert hatte. Und noch mit viel mehr: Das Golddekor ist echt, und ein wohlbegründetes Gerücht schätzt die komplette Interior-Zierde auf einen Wert von um die 55’000 Franken. Kostbares kann in der Beaufort Bar, die auf der ehemaligen Kabarettbühne des Hotels steht, auch schlückchenweise genossen werden: Der 236 Jahre alte Harewood House Rum schlägt sich mit satten 16’768 Franken auf der Rechnung nieder. «By Invitation Only» für rund 28 Franken wirkt dagegen wie ein Schnäppchen. Dieser Cocktail wurde zu Ehren des Duran-Duran-Videos zu «Girl Panic», das 2011 im Savoy gedreht wurde, kreiert. Die künstlerische Tradition der Bar wird heute mit Burlesque-Darbietungen und Live-Entertainment gepflegt.



FILMREIFES BARVERGNÜGEN

Cocktail mit Aussicht: 245 Meter über dem Erdboden geniessen Besucher der Sky Bar in Bangkok ihr Getränk.
Cocktail mit Aussicht: 245 Meter über dem Erdboden geniessen Besucher der Sky Bar in Bangkok ihr Getränk.

245 Meter über dem Erdboden, mit einer echt steilen Treppe und einem phänomenalen Ausblick über Bangkoks Skyline, das ist der State Tower, in und auf dem sich eine der spektakulärsten Rooftop-Bars der Welt – die Sky Bar – befindet. Der postmoderne Turm mit seiner kitschig anmutenden Goldkuppel ist zwar nicht jedermanns ästhetische Sache, aber das ist den Barbesuchern wohl weitgehend egal. Denn berühmt wurde die Sky Bar nicht nur, weil sie einfach die Höhe ist. Zu weltweitem Ruhm hat ihr der Klamauk-Blockbuster «Hangover 2» verholfen. In der Bar und im luxuriösen Lebua-Hotel zog das cineastische Wolfsrudel alle Lümmelregister. Für Fans des Films servieren die Bartender einen Hangovertini, einen süffigen Cocktail aus Grüntee-Likör, Apfelsaft, Martini Rosso und Rosmarin-Honig. Wer übrigens die Hangover-Suite des Luxushotels bucht, bekommt die Hangovertinis im Zimmerpreis inkludiert.



MIDLIFE-CRISIS UND DER WHISKY

Ebenfalls als Filmberühmtheit geadelt, sogar mit einem Oscar, ist die New York Bar im 52. Stock des Park Hyatt Hotels in Tokio. In der eleganten Bar mit ihrer raumhohen Verglasung, die theoretisch einen Blick bis zum Fuji bietet – aber nur theoretisch, weil der heilige Berg in der Nacht nicht zu sehen ist –, fanden sich in Sofia Coppolas Film «Lost in Translation» zwei einsame Seelen – Bill Murray und Scarlett Johansson. Sie bei einem Vodka Tonic, er mit einem Suntory Whisky. Heute könnten die beiden, nachdem der Film die New York Bar in der weltweiten Bekanntheitsskala ganz nach oben gepusht hat, natürlich auch einen L.I.T.-Cocktail ordern – erraten, einen Lost-in-Translation-Mix, der ein bisschen wie ein Cosmopolitan aussieht, aber mit Sake veredelt wird. Seit das Park Hyatt 1994 eröffnet wurde, ist die New York Bar der Hotspot in Tokio, um den Tag bei einem Cocktail mit Live-Jazz ausklingen zu lassen. Und natürlich mit der besten Aussicht auf die Skyline der Glitzermetropole Tokio.

Psst!

Speakeasy Bars Revival

Ein Trend, der ganz leise daherkommt: Speakeasy Bars erleben gerade weltweit eine Wiederauferstehung.

In den 20er-Jahren waren sie in den USA der Ort, wo heimlich ein Cocktail oder ein Bier getrunken wurde. Denn wo sonst konnten Durstige während der Prohibition, als das Ausschenken von Alkohol verboten war, ihren Drink oder French 75 schlürfen als in sogenannten Speakeasy Bars, auch Flüsterkneipen genannt. Die Bars waren eigentlich streng geheim, aber – oder gerade deswegen – total in und somit keine Seltenheit.

Die Zeit der Prohibition ist lange vorbei, aber Speakeasy Bars erleben ein kaum dagewesenes Revival. Rund um den Globus haben findige Wirte ganz besondere Locations auserkoren – ob hinter einer Kühlschranktür, einem Bücherregal, mit Passwort oder Extraschlüssel – der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt.

Auch in Basel gibt es seit einiger Zeit eine solche geheime Bar zu entdecken: Wer in die Styx-Bar eintreten möchte, muss beim Code-Wort-Kästchen im Vorraum die richtige Zahlenkombination eingeben. Haben die Gäste das geschafft, dürfen sie sich auf Jazz-Klänge, aussergewöhnliche Cocktails und eine Auswahl von 40 Gins freuen.

© Cipriani Archive, Getty Images, Accor/Jenny Zarins, Robin Roger Peller, The Savoy, tourismthailand.co.uk