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Nase vorn!

Brigitte Witschi hat den richtigen Erfolgsriecher: Die Duftfachfrau betört feine Nasen mit eigenen Parfumkreationen oder auf olfaktorischen Stadtführungen durch Bern.

Lifetime

Der Protagonist im Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» wird vom Aroma einer in Tee getauchten Madeleine (französisches Zitronen-Rum-Gebäck aus Sandmasse) mit einem Mal lebhaft in seine Kindheit zurückversetzt. Autorenlegende Marcel Proust beschrieb diese olfaktorische Zeitreise so prägnant, dass die Wissenschaft bei diesem Phänomen vom «Proust-Effekt» spricht. Auch der Bernerin Brigitte Witschi sind die intensiven Erinnerungen, hervorgerufen durch Geruchsreize, vertraut. Vor allem jene an ihre frühere Nachbarin Frau Kolb. Diese war als Parfümeurin tätig. Schon von Weitem lockten Witschi, damals ein kleines Mädchen, die verschiedenen Aromen ins Duftlabor, wo sie Frau Kolb bei deren Arbeit zur Hand gehen durfte. Und noch jetzt wird sie durch entsprechende Düfte an den Schauplatz ihrer Kindheit versetzt: «Vor vier Jahren hat mich der damalige Nachfolger von Frau Kolb kontaktiert und mich gefragt, ob ich ihre Duftessenzen haben wolle. Er habe sie für mich aufgehoben. Als ich diese nach all den Jahren wieder gerochen habe, war das wirklich wie eine Zeitreise», teilt Brigitte Witschi die Proust’sche Erfahrung. Trotz der frühen Schulung ihres Geruchssinns und der Selbstbezeichnung als «Nasenmensch» kam ihr nie in den Sinn, ihren feinen Riecher professionell zu nutzen: «Düfte waren für mich immer Berufung, nicht aber Beruf.»

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Riechreise

Wie zumeist im Leben kam alles ganz anders. Eigentlich wollte sie ja Schauspielerin werden, entdeckte dann jedoch ihre Neigung zur Psychomotoriktherapie. Daran schätzt sie, dass dieser Ansatz alle Sinne vereint, so auch den Geruchssinn. In ihrer Arbeit mit blinden Kindern setzte sie etwa Aromen bewusst zur Strukturierung der Therapiesitzungen ein. Sind die visuellen Reize erst ausgeschaltet, werden Düfte viel intensiver wahrgenommen. Auch im Berufsleben von Brigitte Witschi nahm die Duftkomponente eine immer intensivere Rolle ein. 2008 kreierte sie ihr erstes Parfum «edelweiss». Die Bergdüftekollektion wurde später um die Noten «blauer enzian» und «silberdistel» ergänzt. Mittlerweile betreibt die leidenschaftliche Parfümeurin in der Berner Altstadt mit «art of scent – Swiss perfumes» ein eigenes Duftatelier. «Eines führte zum anderen, es war ein wunderbarer Weg hierher, geprägt von sehr viel Arbeit.» Der Energieaufwand hat sich aber gelohnt, Witschi bewies den richtigen Riecher mit ihrem Angebot, das neben ihren Parfumkreationen auch Workshops beinhaltet, bei denen Kunden mit der Fachfrau ihren ganz persönlichen Duft entwickeln können. Dabei ist ihre therapeutische Ausbildung ein Asset. Denn das Mischen der Essenzen bringt nicht nur Düfte, sondern auch Gefühle und Erinnerungen hervor. Die gemeinsame Kreation beschreibt die Expertin als sensiblen, fast intimen Prozess; sich selbst als Begleiterin auf dem Weg zum individuellen Duft. Olfaktorische Vorlieben lassen oft auch auf die Persönlichkeit schliessen. Bei dominanten Menschen, die «laute», «starke» Aromen auswählen, sorgt Brigitte Witschi für ein gewisses Gleichgewicht, bringt auch «ruhigere» Noten ins Spiel. Davon profitieren nicht nur die Kunden. «Der schönste Moment ist für mich, die Menschen überglücklich zu sehen, wenn sie ihr passendes Parfum bekommen haben», schwärmt die Fachfrau, die ihre Kunden nicht nur im übertragenen Sinne auf deren Duftreise begleitet. Sie bietet olfaktorische Rundgänge durch das Schloss Jegenstorf unweit von Bern sowie durch die Schweizer Hauptstadt selbst an. Für Witschi ist der Duft der Aare typisch für Bern: «Der Fluss umarmt die Stadt regelrecht. Er riecht für mich grün, kühl und zurückhaltend.» Diese Duftmarke ist dank der Kreation «aarewasser» auch ausserhalb Berns erlebbar.

Duftes Konzept: In ihrem Parfumatelier in der Berner Innenstadt geht Brigitte Witschi ganz individuell auf ihre Kunden ein
Duftes Konzept: In ihrem Parfumatelier in der Berner Innenstadt geht Brigitte Witschi ganz individuell auf ihre Kunden ein

Vorliebe

Ihr Lieblingsduft ist jedoch der des Waldes, denn in der Natur konnte sie sich schon immer am besten erholen. Und ihr Lieblingsparfum ist ihre eigene Kreation «everglow», auch wenn sie es selbst kaum verwendet. «Eine Tragik, aber ich kann keine Parfums tragen, ohne dass sie meine Gedanken einnehmen. Das lenkt mich zu sehr ab», erläutert die Bernerin mit der feinen Nase. Generell bevorzugt sie zurückhaltende Düfte, die sich wie ein Schal um den Träger schmiegen. Im Gegensatz zu Prousts Protagonisten löst der Geruch von Madeleines bei Brigitte Witschi keine lebhaften Kindheitserinnerungen aus. Allerdings hat sie vor Kurzem entdeckt, dass ein lokaler Bäcker die Sandmasseküchlein mit Sandelholz und Orange verfeinert: «Mit dieser aussergewöhnlichen Aromabombe verwöhne ich mich gern nach einem produktiven Tag.»

© Steve Nhan Duc, beigestellt