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Im Kunsthimmel der Engelstadt

Wie eine Insel über dem Lichtermeer von Los Angeles ruht das Getty Center. Es zählt zu den feinsten Museen der Welt – und wartet nebenbei mit fantastischen Gärten und einer spannenden Umgebung auf.

Culture

Modern Rome, Campo Vaccino. Ein blassblauer Himmel. Wie durch einen Schleier leuchtet das Kolosseum am Horizont. Die Säulen des Forum Romanum gleichen einem Trümmerhaufen, in dem Geissen dürre Gräser aus dem Boden der Ewigen Stadt rupfen. Hirten und Schäferinnen baden im letzten Sonnenlicht, wer möchte sich nicht am liebsten kurz zu ihnen legen und von jenem Rom träumen, das der englische Maler William Turner 1830 auf seine Leinwand bannte, gespeist nur durch seine Erinnerung. Denn Turners letzte Romreise lag zum Zeitpunkt des Entstehens bereits zehn Jahre zurück. Vielleicht wirkt sein Gemälde, das erst vor sechs Jahren von London in das Getty Museum in Los Angeles übersiedelte, auch deswegen so eigentümlich in die Ferne gerückt. «Maler des Lichts» wird William Turner genannt, und er hätte den besonderen Moment, den uns The Getty am Ende des Kunstmarathons als Draufgabe bot, wohl mit besonderer Intensität eingesogen. Mit den «ganz gros-sen Gemälden», die dieses einzigartige Museum bietet, waren wir längst «durch». Wir hatten uns von Van Goghs «Iris» (Schwertlilien) verzaubern lassen, das 1987 als teuerstes Gemälde seiner Zeit beiSotheby’s versteigert wurde. Mehr als die 54 Millionen Dollar beeindruckte uns die Dynamik dieser schlanken Blätter, die die unsichtbare Kraft des Wachsens sichtbarmacht und die wohl auch viel von einem aufgewühlten Geist erzählt, von Van Goghsletzten verzweifelten Jahren im Irrenhaus von Saint-Rémy. Die leise Melancholie von Cezannes «Junge italienische Frau an einem Tisch» war uns sanft unter die Netzhaut gegangen, und das galt auch für die leuchtende Stille von Claude Monets meditativem «Heuhaufen, Schnee-Effekte, Morgen». Aber jetzt, am Ende des fantastischen Bilderreigens, war der echte Himmel über Los Angeles am Zug. Und der doppelte Blick aufs Meer, den das Getty Museum den Besuchern dank seiner privilegierten Lage am Bergrücken der Santa Monica Mountains offerieren kann. Doppelt, weil ganz am Ende des amerikanischen Westens ein echter Ozean zu sehen ist, der Pazifik. Vor ihm erstreckt sich ein berühmtes Lichtermeer: das Gleissen und Glimmen der «Stadt der Engel». Kontur- und grenzenlos breitet es sich aus. Gnadenlos flach, wie Charles Bukowskis Figuren in den Monatsbeginn starten. Dabei pulsiert im Strahlen von L.A. die Energie der Metropolis. Wir suchten sie nach vertrauten Highways ab, nach der kleinen Downtown-Insel, und malten uns aus, wie anno dazumal William Turner sie gesehen hätte.

Eine Frage der Weissheit

Keine Frage: Allein das Panorama-Finish rechtfertigt den Weg zum Super-Museum im Stadtteil Brentwood. Ähnlich abgehoben fällt die finale Hightech-Anfahrt zum Getty Center aus. Besucher nehmen in den führerlosen Waggons einer elektrischen Bahn Platz, die an der Arrival Plaza computergesteuert einen guten Kilometer weit nach oben schnurrt. Wenig später zieht die Architektur des Weissen Magiers der Moderne, des New Yorkers Richard Meier, alle Blicke auf sich. Das blendende Zahnpastalächeln, das seine Bauten prägt, hat sich hier – und nur hier – in ein sehr helles Ocker verwandelt. «Weiss ist das Licht, und Licht ist das Leben», sagte Meier einmal. So lässt sich hinter dem eigens kreierten «Getty White» das zähe Ringen zwischen dem Pritzker-Preisträger und den Bauherren des Getty Trusts erahnen. Nur zögerlich war Meier von seiner Präferenz für Reinweiss abzubringen. Auf keinen Fall wollten die Bauherren von einer der umliegenden Landschaft angepassten Gebäudefarbe abrücken. Doch das ist bloss eines von vielen Details, die den nach 14-jähriger (!) Planung und Konstruktion schliesslich 1997 fertiggestellten Bau zu einer der bemerkenswertesten Architekturikonen der gesamten Westküste machen. Über eine Million Kubikmeter wurden dabei verschoben, 16 Tonnen italienischer Travertin verbaut und 40’000 emaillierte Aluminiumpaneele angebracht. Sie rhythmisieren in geschwungener Form ein Bauvolumen, das sich weich in die Landschaft schmiegt – wobei der aus Bagni di Tivoli nahe Rom gewonnene Stein fossile Blätter, Federn und Tiere neu zum Leben erweckt. Je länger das Spazieren zwischen den 3’200 verbauten Türen dauert, desto klarer wird der zugrunde liegende Masterplan des Architekten. Auf und unter kurvigen Balkonen gilt es, neue Perspektiven zu entdecken, sich der Offenheit computergesteuerter Beschattungssysteme zu überlassen, die in die Säle der Alten Meister Tageslicht durch schützende Filter einfallen lassen. Meier hat nicht bloss ein zeitloses Ensemble von kreisrunden und welligen Einheiten geschaffen, sondern eine durch und durch amerikanische Interpretation einer – wie er es einmal nannte – Akropolis.

Kunstvermögen in Öl

All das passt ganz gut zur Obsession des 1976 verstorbenen Ölmagnaten J. Paul Getty, der sich in der vordersten Reihe der grössten Kunstmäzene aller Zeiten einen besonderen Ehrenplatz gesichert hat. Gettys erklärtes Ziel: die Schaffung einer hochkarätigen Sammlung von Kunstobjekten, die einem ebenso schlichten wie hochtrabenden Anspruch genügen sollte: von allem das Beste. Diese Passion trieb den Ölmagnaten bereits 1953 an, als er in Pacific Palisades ein Museum gründete, das den Grundstock der später nach Brentwood übersiedelten Sammlung darstellte. Daran lässt auch ein flüchtiger Scan der im Getty Center gezeigten Werke keinen Zweifel. Von der kleinen, aber ausgesprochen feinen Sammlung europäischer Maler war bereits die Rede. Sie umfasst Arbeiten der italienischen Renaissance und des Barock ebenso wie des französischen Impressionismus. Dazu zählen Schlüsselwerke wie Rubens’ «Die kalydonische Eberjagd» von 1611, die erstmals das typische Rubens-Motiv vom Kampf zwischen Mensch und Tier zeigt. Rembrandts Reflektionen auf die Ovid’sche Metamorphose sind ebenso zu bewundern wie Gemälde von Renoir. Die Grafische Sammlung beinhaltet Drucke und Radierungen von Da Vinci oder Albrecht Dürer – etwa den «Hirschkäfer» aus dem Jahr 1505.

Ausgewachsene Gartenkunst

Zu den Besonderheiten der nach dem Tod des Mäzens vom Getty Trust weiter vervollständigten Sammlung zählt die enorme Bandbreite unterschiedlicher Genres und Disziplinen: Fotokunst findet sich hier, etwa von Man Ray. Die in Rotation präsentierte Sammlung kostbarer Manuskripte deckt die gesamte Bandbreite vom frühen Mittelalter bis zur Renaissance ab. Die Sammlung dekorativer Kunstobjekte beinhaltet Möbel aus allen historischen Stilrichtungen, darunter eine legendäre Kommode des Meisters André-Charles Boulle aus der Ära Louis XIV. sowie einen 1710 gefertigten Régence-Salon. Indem Gemälde, Bildhauerei und Kunsthandwerk aus bestimmten Perioden – etwa Neoklassizismus oder Romantik – zusammen präsentiert werden, bekommen Besucher ein Gefühl für die jeweilige Ära. Zwischen den beiden verbauten Geländerücken, die neben dem eigentlichen Museumsgebäude die Forschungsabteilung Getty Research Institute umfassen, bettet sich schliesslich ein weiteres Juwel ein: Der spektakuläre Landschaftsgarten rückt ein kleines Flüsschen und die Spiegelbilder seltener Azaleen in den Fokus – unter anderem. Insgesamt laden 500 Pflanzenarten, kleine Wasserkaskaden und wie Bäume gezogene Bougainvilleen zum Lustwandeln ein. Dass sich wie nebenbei auch noch Skulpturen diverser Grössen wie Henry Moore, Alberto Giacometti, Roy Lichtenstein oder Joan Miró über das knapp zehn Hektar grosse Gelände verteilen – es verwundert kaum.

 Auf Kunst getrimmt: Das Getty Center besticht nicht nur im Inneren mit Kunstschätzen. Auch die Landschaftsarchitekten kreieren Meisterwerke
Auf Kunst getrimmt: Das Getty Center besticht nicht nur im Inneren mit Kunstschätzen. Auch die Landschaftsarchitekten kreieren Meisterwerke

Alte Meister als Selfie

Doch der Getty Foundation geht es keineswegs bloss ums Horten. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Vermittlung von Kunst und deren Bewahrung. Das verraten kinderaffine Audio-Guides, die das Auge und Verständnis des Nachwuchses schulen helfen, oder spielerische Aktivitäten im Family Room. In der Sketching Gallery werden Gäste zum Kopieren der Alten Meister aufgefordert – die dazu nötigen Materialen stehen frei zur Verfügung. Wer es mit selbst gemalten «Turners» nicht ganz so hat, wird auf der Website getty.edu zum Download diverser Gemälde in hoher Auflösung eingeladen. Ähnlich ambitioniert fallen schliesslich die Aktivitäten des Getty Research Institute (GRI) sowie des Getty Leadership Institute aus. Umfasst Letzteres die Aus- und Weiterbildung von leitendem Museumspersonal und Kuratoren, aber auch wissenschaftliche Forschungstätigkeit inklusive Restaurierungsarbeiten, so hält das kreisrunde Gebäude des GRI eine Bibliothek und einen zusätzlichen Ausstellungsraum bereit. Der Eintritt ins Museum ist übrigens frei. Bezahlt wird in einer Stadt wie L.A. bloss fürs Auto. All das gebührend zu bewundern, kann problemlos mehr als einen vollen Tag in Anspruch nehmen. Kann. Denn so verlockend das im Nordwesten der Stadt gelegene Getty Museum auch sein mag – die umliegenden Stadtteile der Superreichen sind es allemal. In Brentwood, dem Nobelviertel am Fusse der Santa Monica Mountains, leben unter anderem Arnold Schwarzenegger, Heidi Klum, Gisele Bündchen, Mark Harmon, Robert Francis und Robert Downey Jr. Der Sunset Boulevard führt hindurch. Weiter im Osten grenzen das studentische Westwood und der Nobelbezirk an. Es sind Namen, in denen ganz grosses Kino anklingt. Teil der Geschichte der ausufernden 16-Millionen-Metropole sind sie allemal. Eine geht beispielsweise so: Wo sich heute das endlos scheinende Lichtermeer erstreckt, lag früher eine Wüste. Das sah auch Ingenieur William Mulholland so, der am Anfang des 20. Jahrhunderts die herausfordernde Aufgabe hatte, die Trinkwasserversorgung der staubigen Wüstenstadt zu organisieren. Los Angeles dankt es seinem obersten Wasserträger bis heute und benannte nach ihm eine legendär gewordene Strasse: Mulholland Drive. Auch dieser liegt praktischerweise nicht weit vom Getty Center entfernt. Wobei: Am Geburtsort der Car Culture, wo Häuser schon früh wie Tankstellen aussahen und Bars wie die Heckflossen von Cadillacs, ist eine Strasse mitunter mehr als eine Strasse. Nämlich eine Art asphaltierte Persönlichkeit, die viel gesehen hat – und noch mehr erzählen kann. Der Mulholland Drive fällt zweifellos in diese Kategorie. Er beginnt im Osten des Highway 101, folgt seit 1924 dem Rücken der Santa Monica Mountains und setzt sich nach Westen im Santa-Monica-Mountains-Schutzgebiet fort, wo er sich erstaunlicherweise in eine Art Öko-Strassenversion verwandelt, in einen ungeteerten, natürlich anmutenden Weg für Wanderer und Mountainbiker. John Lautner, ein genialer Schüler der amerikanischen Architektenlegende Frank Lloyd Wright, lässt hier sein «Chemosphere House», ein 200 Quadratmeter grosses, auf einem zentralen Betonpfeiler thronendes Haus, wie ein modernistisches UFO aus den frühen sechziger Jahren landen. Vor allem aber beschert das Befahren von Strassen wie dem Mulholland Drive neben berauschenden Blicken auf das San Fernando Valley eine gewisse Unmittelbarkeit zur nicht nur vermutlich neurotischsten Nachbarschaft der Welt – und taugt so auch als Los-Angeles-Reiseführer der besonders delikaten Art.

Besuchermagnet: Kunstfans aus aller Welt strömen nach L.A. in das ikonische Gebäude aus der Feder des Architekten Richard Meier
Besuchermagnet: Kunstfans aus aller Welt strömen nach L.A. in das ikonische Gebäude aus der Feder des Architekten Richard Meier

Epilog mit alten Römern

Wer lieber dem Highway 1 Richtung Nordwesten folgt und Brentwood und Co. im Rückspiegel versinken lässt, für den hält die Getty Foundation schliesslich noch einen kleinen Nachschlag parat: die legendäre Getty Villa in Pacific Palisades, Malibu. Ein Nachbau der historischen Villa de Papiri aus Herculaneum, in der Archäologen einst die einzige altrömische Papyri-Bibliothek Italiens entdeckten – konserviert durch den Ausbruch des Vesuv. Mit der kalifornischen Variante verbindet sich ein Stück Getty-Geschichte. Hier stellte der Tycoon seine Kunstsammlung erstmals der Öffentlichkeit vor. Vor zehn Jahren, und nach kompletter Restaurierung, ist zumindest Gettys Antikensammlung wieder in die Villa zurückgekehrt: Kykladen-Kunst, römische Mosaiken und etruskische Werke – 1’200 Exponate, die einen Zeitraum von sieben Jahrtausenden abdecken. Echt europäische Wurzeln finden sich auch: Sie stecken im Innenhof der nachempfundenen römischen Landvilla – wo ein hübscher mediterraner Garten seine feinen Düfte verströmt.

Ganz artig

L.A. für Kunstfans +block+

The Getty Center
1200 Getty Center Drive, Los Angeles, CA 90049.

 The Getty Villa
17985 Pacific Coast Highway, Pacific Palisades, CA 90272.

Alle Informationen rund um den Besuch beider Ausstellungshäuser: http://getty.edu/visit

Weitere Kunstmuseen in L.A.

 MOCA
Museum of Contemporary Art: Seit 1940 werden hier Exponate aller Kunstbereiche ausgestellt.
http://moca.org

LACMA
Los Angeles County Museum of Art: Die Sammlung von 110’000 Arbeiten umfasst u. a. Werke deutscher Expressionisten.
http://lacma.org

The Broad
Privates Museum für zeitgenössische Kunst.
http://thebroad.org

Hotel-Tipp

 Hotel Bel-Air
701 Stone Canyon Road, Los Angeles. Das luxuriöse Boutiquehotel orientiert sich am Stil des alten Hollywood.
http://dorchestercollection.com

Restaurant-Tipp

The Bazaar by José Andrés
465 South La Cienega Boulevard. Hier wird kreative spanische Gourmetküche aufgetischt.
http://thebazaar.com

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