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Herzblut in jeder Note

Der Musiker, Arrangeur, Produzent, Dirigent und Komponist Fiorenzo Zanotti aus Bologna hat sichmit Leib und Seele der Musik verschrieben. Der erfolgreiche Künstler erzählt, weshalb Talent nicht gleich Erfolg ist.

Culture Talk

Die Strasse schlängelt sich in engen Kurven den Berg hinauf und führt uns zu einem kleinen Dorf, das für den bekannten italienischen Komponisten ein Refugium und gleichermassen ein Stück Heimat geworden ist. Und natürlich kennt hier jeder den grossen Maestro. Fio Zanotti, eigentlich heisst er Fiorenzo, ist ein unglaublich herzlicher und offener Mensch. Während er uns in sein Tonstudio führt, erzählt er mit Begeisterung von seinem neuesten Projekt, das ihn für Konzerte bis nach Moskau führt.

Wir befinden uns hier in einem kleinen Dorf oberhalb von Bologna, abseits von Grossstadthektik und Glamour. Lieben Sie das Landleben?

Ja, auf jeden Fall, obwohl ich auch sehr gern in der Stadt bin. Die ländliche Idylle erlaubt mir jedoch, besser über meine Arbeit nachzudenken.

Wer Sie kennt, weiss, dass Sie über eine unglaubliche Energie und einen hohen Arbeitsrhythmus verfügen. Inwiefern nagt der Zahn der Zeit an Ihrem heutigen Alltag?

(Lacht) Eigentlich habe ich immer noch das Gefühl, ein Jugendlicher zu sein. Die letzten Jahrzehnte haben nichts verändert. Wenn ich arbeite, gibt es für mich weder Tag noch Nacht. Heute erlaube ich mir gelegentlich ein paar Auszeiten. Wie viele Italiener liebe auch ich den Fussball über alles. Ich selbst spiele gern und bin ausserdem ein begeisterter Fan von Bologna.

Sie gelten als musikalisches Multitalent. Wie viele Instrumente beherrschen Sie?

Kennen tue ich sie fast alle, da ich ja jeweils die Musik dazu schreibe. Gut spielen kann ich Klavier, Akkordeon, Mundharmonika und Gitarre. Und vor Kurzem habe ich begonnen, Trompete zu spielen.

Anna Oxa
Anna Oxa

Wie sind Sie in die Welt der Musik gekommen?

Als Autodidakt – und als solchen definiere ich mich auch heute noch. Mein Grossvater schenkte mir zum vierten Geburtstag eine Mundharmonika. Ich war hin und weg und habe sofort begonnen, die Musik nachzuspielen, die ich im Radio hörte. Als ich fünf wurde, doppelte mein Grossvater nach und schenkte mir ein Akkordeon. Meine Eltern und vor allem meine Onkel und Tanten waren sich einig, dass ich für die Musik ein gewisses Talent besass. Es folgten die ersten Abenteuer mit einigen Bühnen- und Fernsehauftritten. Das Fernsehen steckte damals noch in den Kinderschuhen, und alles war – aus heutiger Sicht betrachtet – eher rudimentär. Während einer meiner Auftritte wurde ein Musiklehrer auf mich aufmerksam und bot mir an, Akkordeon-Lektionen zu geben. Ich galt allseits als Wunderkind, als das ich mich keineswegs betrachtete, und ich fühlte mich auch nicht wohl in dieser Rolle. Ich spürte aber schon damals, dass ich viel an mir arbeiten musste, um das zu erreichen, was ich machen wollte.

Mit Ihrer seit Jahrzehnten andauernden erfolgreichen Karriere sind Sie ein Vorbild für viele junge Komponisten. Hatten Sie in Ihrer Jugendzeit ebenfalls ein Idol?

Oh ja. Ennio Morricone ist ein unglaublich toller Komponist, der mich viel gelehrt hat. Als Kind bewunderte ich seine Arrangements, die alle Welterfolge waren. Morricone ist ja vor allem für seine Filmmusik bekannt. Aber auch einzigartige Künstler wie Gianni Morandi, Rita Pavone und Edoardo Vianello feierten mit seinen Arrangements Erfolge, um nur einige zu nennen. Ich bin aber auch ein grosser Jazzfan, beispielsweise des unübertroffenen kanadischen Pianisten Oscar Peterson, wie auch des Amerikaners Bill Evans. Und ich höre auch sehr gerne klassische Musik.

Adriano Celentano
Adriano Celentano

Sie haben mit vielen grossen Künstlern der italienischen Musikszene zusammengearbeitet. Künstler sind ja dafür bekannt, manchmal etwas eigenartig zu sein.

Ich könnte stundenlang packende, kuriose, aber auch lustige Geschichten erzählen. Ich hatte die Ehre, mit vielen tollen Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten, beispielsweise mit Adriano Celentano, der einzigartig, authentisch und ehrlich ist. So wie er sich präsentiert, so ist er. Auch Loredana Berté ist ein wunderbarer Mensch. Sie alle haben mir etwas mit auf den Weg gegeben. Heute würde ich vielleicht etwas mehr experimentieren, als ich es damals tat. Ich liebe alles Neue, probiere gern neue Effekte aus, um zu entdecken, was die Zuhörer auf emotionaler Ebene am meisten anspricht. Wenn mich selbst etwas emotional begeistert, dann ruft es vielleicht bei anderen Menschen das gleiche Gefühl hervor.

Wie haben sich die Wege zwischen Ihnen und dem legendären Blues- und Rocksänger Zucchero gekreuzt?

Eigentlich führte der Zufall Zucchero zu mir. Und vielleicht ist die Zusammenarbeit auch dank Mogol [Anm.: berühmter italienischer Liedtexter] entstanden, der mich eines Tages bat, mich um einen jungen, talentierten Sänger zu kümmern, da er selbst in anderen Projekten engagiert war. Zu jener Zeit befand Zucchero sich in einer nicht ganz einfachen beruflichen Phase. Nach einem Amerikaaufenthalt kam er zu mir mit dem Wunsch, etwas Spannendes zu machen. Im Lied, das er im Gepäck hatte, sah ich durchaus ein gewisses Potenzial. Wir arrangierten «Donne» neu, und Zucchero wollte es 1985 unbedingt am Sanremo-Festival präsentieren, obwohl er in der Vergangenheit am berühmten Musikwettbewerb mehrmals gescheitert war. Als er auch in jenem Jahr nur den zweitletzten Platz erreichte, war Zucchero unendlich enttäuscht und überzeugt, dass er vom Pech verfolgt sei. Ironischerweise wurde «Donne» ein Jahr später ein nationaler und internationaler Hit – ein Beweis dafür, dass oft der richtige Moment für die Lancierung eines Songs entscheidend ist.

Zucchero
Zucchero

Wenn vom Sanremo-Festival gesprochen wird, fällt im gleichen Atemzug der Name von Fio Zanotti. Seit 1990 haben Sie mehrmals und äusserst erfolgreich teilgenommen, als Orchesterdirektor und als Komponist. Was hat diesen Song Contest in den vergangenen Jahrzehnten so einzigartig gemacht?

Das Sanremo-Festival ist sehr speziell. Es ist für mich immer eine Ehre und ein einzigartiges Gefühl, dabei zu sein. Natürlich will jeder, der an einem Wettbewerb teilnimmt, gern gewinnen. Ich durfte zwar mehrere Siege mit nach Hause tragen, aber sie waren nie der Ansporn. Mein Ziel war stets, etwas Gutes zu produzieren. Die Emotionen spielen bei diesem Festival vielleicht sogar noch eine grössere Rolle als sonst. Vor allem auch im Hinblick auf das Orchester. Musik für ein Orchester zu schreiben ist sehr schwierig. Während meiner Zeit am Konservatorium habe ich gelernt, wie es technisch richtig gemacht wird. Nur Musik auf dem Computer komponieren und dann überschreiben, das reicht leider nicht. Und manchmal ist dies auch spürbar. Die Herausforderung und das Geheimnis von Sanremo liegen darin, ein Lied zu schreiben, das allen gefällt, und ein Gespür dafür zu entwickeln, was in sechs bis zwölf Monaten angesagt sein könnte. Es gilt, immer aufmerksam zu sein, an die Aufgabe zu glauben und das Maximum zu geben. Ein kleiner Fehler, der im ersten Moment banal erscheint, kann sich später als fatal erweisen. Wenn ein Lied nicht funktioniert, vergessen es die Menschen schnell. Das darf nicht passieren.

Sie haben vor Kurzem die Musik zu einer neuen italienischen Komödie «Nobili bugie» (Blaublütige Lügen) geschrieben. Worin unterscheidet sich die Komposition für ein Lied von derjenigen für einen Film?

Der Zugang ist ganz anders. Ich muss mir jeweils vorstellen, wie der Film sein wird, und lese natürlich das Skript. Bei «Nobili bugie» war ich eine richtige Nervensäge, denn ich wollte unbedingt wissen, was passiert, und ging ans Set. Die Geschichte erzählt von verarmten Adeligen, die allesamt kleine Gauner sind. Keiner von ihnen hat eine weisse Weste. Für mich galt es, diesen Eindruck in die Musik zu transportieren, wobei für mich ein Punkt zentral war: Der Film spielt im Jahr 1945. Ich wollte jedoch eine Musik kreieren, die zeigt, dass diese schwarze Komödie in der heutigen Zeit gedreht wurde. Ich erinnerte mich an eine meiner Kompositionen, die ich mit Anfang zwanzig geschrieben hatte. Der Regisseur war dermassen begeistert, dass ich mich entschloss, sie aufzubereiten. 25 Tage lang arbeitete ich wie ein Verrückter. Ich habe die Bilder ständig vor mir gesehen und Fragment für Fragment aufgearbeitet. Die Premiere von «Nobili bugie» fand in Bologna statt, anschliessend wurde der Film an den Festivals von Venedig und Cannes vorgestellt.

Wenn wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, entsteht das Gefühl, dass Künstler damals mehr Zeit hatten, um zu wachsen. Sie produzierten vielleicht zwei bis drei Tonträger, bevor sie an die Spitze gelangten. Heute muss ein Sänger schon mit der ersten CD Erfolg haben, ansonsten hat er keine Chance. Geht der Druck des Marktes zulasten der Qualität?

Ich würde dies bejahen. Heute muss ein Lied sofort Erfolg haben – was wiederum bedeutet, dass der Künstler eine Entourage braucht, die an ihn glaubt und ihn formt. Ein gutes Produkt zu kreieren braucht Zeit. Ich hatte das Glück, auch in schlechten Zeiten den richtigen Schlüssel für den Erfolg in der Hand zu halten. Oft benötigten wir für die Komposition eines neuen Liedes nur wenige Tage, obwohl dies natürlich nicht jedes Mal der Fall war. Das Risiko der fehlenden Qualität besteht heute durchaus, auch wenn die Technologie in gewisser Hinsicht hilft. Und doch: Die Taste für das Herz ist auf keiner Klaviatur zu finden. Wenn aber genau das fehlt, nützt die beste Technologie nichts. Nicht selten ist dies auch die Ursache fürs Scheitern.

Vielleicht auch, weil nur noch Mainstream gesucht wird und dabei die Kreativität auf der Strecke bleibt?

Das ist sicherlich der Fall. Wenn ich an ein Projekt glaube, muss ich es von A bis Z gut machen, meinen Weg gehen, sämtliche Möglichkeiten ausloten, bis ich das Resultat habe, das ich mir wünsche. Und natürlich muss ich auch an die Konsumenten denken. Das beste Lied nützt nichts, wenn es niemand hören möchte.

Nächste Generation: Der Meister teilt seine Erfahrung gern mit jungen Talenten wie Nathalie.
Nächste Generation: Der Meister teilt seine Erfahrung gern mit jungen Talenten wie Nathalie.

Seit einiger Zeit arbeiten Sie mit einem Schweizer Talent zusammen. Nathalie hat ein wunderbares Lied komponiert, das die Geschichte und das Schicksal einer Freundin erzählt. Weshalb haben Sie sich entschieden, Nathalie auf ihrem Weg zu begleiten?

In erster Linie war es der Instinkt, der die Basis ist von allem, was ich mache. Während unserer Zusammenarbeit habe ich Nathalie und ihr Werk Stück für Stück kennengelernt. Maurizio Naggiar, Produzent und Manager von Nathalie, hat mich dabei unglaublich unterstützt, indem er mir erklärte, wohin er möchte. Und zusätzlich durften wir alle auf die Unterstützung des äusserst erfahrenen Toningenieurs Michel [Anm.: Carlo Assalini] zählen, der seit Jahrzehnten im Musikgeschäft tätig ist. In gemeinsamer Arbeit haben wir ein tolles Produkt kreiert, das uns alle überzeugt. Nathalie verfügt über alle Charakteristiken für eine grosse Karriere. Auch weil sie eine wunderbare und facettenreiche Art der Komposition hat.

Sie haben die vielzitierte Teamarbeit erwähnt, die aber vielleicht nicht überall den gleichen Stellenwert hat.

Teamarbeit ist essenziell, denn ohne sie geht gar nichts. Manchmal bin ich nicht ganz sicher, ob all die neuen tollen Technologien nicht zulasten ebendieser Teamarbeit gehen. Leider mischen sich heute zu viele in die Bereiche des anderen ein. Ich bin ein überzeugter Anhänger des Credos «Schuster, bleib deinem Leisten». Wer gut singen kann, soll singen. Wer ein Instrument beherrscht, soll dieses spielen. Ich bin extrem froh, wenn ich jemanden an meiner Seite habe, dem ich vertrauen kann und der mir die Dinge sagt, wie sie sind. Meine Haushaltshilfe zum Beispiel verfügt über eine unglaublich gute Intuition. Wenn sie eine Komposition von mir hört und sagt: «Das gefällt mir», dann weiss ich, dass es funktionieren kann. Freddy Naggiar, der Besitzer von Baby Records, hat mir vor vielen Jahren beigebracht, wie wichtig das Miteinander ist. Er hatte ein einzigartiges Gefühl für die Musik und war ausserdem ein richtiger Visionär, der zweifelsohne Geschichte geschrieben hat. Sein Sohn Maurizio, der nun Nathalie betreut, verfügt über die gleiche Gabe. An Talenten fehlt es nie. Was aber letztendlich zählt, ist das Produkt. Wenn eins plus eins hundert ergeben soll, ist dies ist nur mit Teamarbeit möglich. Während den Jahren der Zusammenarbeit mit Freddy Naggiar genoss ich eine unglaubliche künstlerische Freiheit, obwohl ich sehr viel arbeitete und wenig schlief. Die Augenringe sind mir bis heute geblieben (lacht).

Haben Sie noch einen unerfüllten Traum?

Oh ja, ganz viele. Für einen speziellen Traum gebe ich mir sechs Monate Zeit. Ich möchte einen Ort kreieren, an welchem die Musik lebt. Es soll ein Ort des Musizierens und der Kreativität werden. Ich möchte experimentieren und Dinge tun, die ich noch nicht gemacht habe. Ausserdem plane ich derzeit ein weiteres grosses Projekt, in dem die Mundharmonika, die Hammond-Orgel und das Klavier die Hauptakteure sind. Ich möchte einfach weiterhin Musiker sein. Das ist das, was ich kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Qualität ist die Basis von allem

Fiorenzo Zanotti

In Sachen Musik macht ihm so schnell keiner etwas vor. Fio (Fiorenzo) Zanotti ist ein Meister seines Fachs und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als Musiker, Komponist und Musik-Arrangeur. Er hat mit Stars wie Vasco Rossi, Zucchero, Adriano Celentano, Loredana Berté, Anna Oxa, Eros Ramazzotti und vielen anderen zusammengearbeitet. Unzählige Kompositionen aus der Feder von Fio Zanotti wurden zu millionenfach verkauften Tonträgern. Für das charismatische Multitalent sind Qualität, Seriosität und Pünktlichkeit die obersten aller Gebote und die Grundlage eines anhaltenden Erfolgs. Geboren und aufgewachsen ist der 68-jährige quirlige Italiener und Sohn eines Garagisten in Bologna, der siebtgrössten Stadt Italiens mit dem Beinamen «La dotta» (die Gelehrte). Dort besuchte der begabte Musiker später auch das Konservatorium. Seit 1990 hat Fio Zanotti fast an sämtlichen jeweils im Februar stattfindenden Sanremo-Festivals teilgenommen. Der 1951 gegründete und in Italien sehr populäre Popmusikwettbewerb gilt als Mutter des späteren Eurovision Song Contest und hat bis heute nichts von seiner Strassenfegerqualität eingebüsst.

Eine von Fio Zanottis neuen Kollaborationen ist jene mit der Schweizer Künstlerin Nathalie, die vor Kurzem ihr Erstlingswerk «Cross my way again» auf den Markt gebracht hat. Informationen unter: http://tycoonpromotion.com music@tycoonpromotion.com

© Nino Saetti, Getty Images, beigestellt