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Family Affairs in Schwarz-Weiss

Peter Lindbergh fotografiert Cindy Crawford für eine Omega-Kampagne. Das Ergebnis ist keine Werbung, sondern pure Poesie. Eine Hommage an den Meister der zeitlosen Schönheit.

Portrait

Peter Lindbergh gehörte zu den letzten grossen Fotografen, deren Blick die Mode veränderte. Männer wie Helmut Newton und Richard Avedon, die Karrieren besiegelten und ikonische Arrangements schufen. Die Frau im Smoking von Saint-Laurent bei Newton, die aneinandergelehnten Supermodels der frühen 90er-Jahre bei Lindbergh. Durch die Art, wie sich die Frauen gegenseitig schützen, ahnt der Betrachter: Lindbergh ging es immer um eine familiäre Atmosphäre, um die Vertrautheit im Glamour. Das hat er mehr als 20 Jahre nach dieser Reihe wieder getan. 2017 hat er in Malibu eines der damaligen Topmodels samt Familie aufgenommen, Cindy Crawford mit ihrem Ehemann Rande Gerber sowie den gemeinsamen Kindern Kaia und Presley. Für die Uhrenmarke Omega haben sie eine «Family Affair» inszeniert – in alles vergebenden Schwarz-Weiss-Bildern, eine zeitlose Optik für eine ruhelose Zeit.

«Fotos waren für uns damals wichtig. Wir hatten kaum Bücher zu Hause, da sahen wir uns eben Fotoalben an.»
- Peter Lindbergh über seine Kindheit

DER STAUB DER DUISBURGER JAHRE

Dabei hat die Laufbahn für den im September 2019 unerwartet verstorbenen Fotografen alles andere als glamourös begonnen. Er wuchs in einem unscheinbaren Duisburger Reihenhaus auf, Nachkriegszeit in Westdeutschland, Ruhrgebiet unter Kohlenrusshimmel. Peter Brodbeck hiess er damals noch. Die Familie verfügte über 80 Quadratmeter Wohn- und Lebensraum, verteilt auf drei Etagen. «Ich hatte unter dem Dach ein kleines separates Eckchen mit einer Tür, zwei Betten standen darin, da habe ich mit meinem drei Jahre älteren Bruder gewohnt», hat er einmal erzählt. Jeden Morgen musste von der Fensterbank eine Schicht rot-schwarzen Staubs abgewischt werden, von den Loren, die knapp 500 Meter entfernt hinter dem Haus entlangfuhren und den Kupferabfall aus der Krupp-Hütte wegbrachten. Hinter den Gruben kam der Damm, dahinter lag die Hauptschlagader der Industrie, der breite Vater Rhein. In den 50er-Jahren entstand ein Foto, das Lindbergh auf einer Vespa mit einem grossen Stoffbären zeigt. Ein Schulfotograf hatte es aufgenommen, die Eltern kauften es ihm ab und hängten es mit Reisszwecken an die Küchenwand. «Fotos waren für uns damals wichtig», erinnerte sich Peter Lindbergh, «wir hatten kaum Bücher zu Hause, da sahen wir uns eben Fotoalben an.» Meist trafen die Familien sich sonntags, der Vater hatte sieben Schwestern, die kamen mit ihren Männern und Kindern. Und wie zum ersten Mal schauten alle in die Alben hinein – gewöhnliche Plastikbände mit Plastikblumen auf dem Einband. Fotos, verstand der junge Peter damals, erzählten die Geschichten dieser Welt.

Behind the Scenes: Peter Lindbergh beim Shooting der Omega-Kampagne mit Cindy Crawford, ihrem Mann Rande Gerber und den Kindern Kaia und Presley.
Behind the Scenes: Peter Lindbergh beim Shooting der Omega-Kampagne mit Cindy Crawford, ihrem Mann Rande Gerber und den Kindern Kaia und Presley.

SEIDENPAPIER IN HERRENHOSEN

Vielleicht wurde aus dieser unbewussten Prägung eine bewusste Entscheidung. Zuerst vertiefte Peter Lindbergh jedoch sein Wissen über Mode. Nach dem Abschluss der Volksschule begann er eine Lehre als Schaufensterdekorateur bei Karstadt. «Das Irrste und Künstlerischste, was ich mir vorstellen konnte», wie er die Wahl einmal bezeichnete. Dekorateur galt damals als schicker Beruf, die feschen Burschen der Stadt bauten die Fenster der Kaufhäuser um und trugen dazu Röhrenhosen mit Kitteln darüber. So lernte der junge Mann, wie Seidenpapier, gefaltet und in die Herrenhosen hineingeschoben, das Kleidungsstück schön ausstaffiert aussehen lässt. In einem deutschen Provinzkaufhaus wurden ihm also die ersten Tricks der Modeindustrie beigebracht – und der spätere Glamourfotograf saugte sie auf. Er ging nach Luzern, nach West-Berlin, verfeinerte seine Erfahrungen, fuhr anschliessend zwei Jahre per Anhalter durch Europa und Marokko – bis er Ende der 60er-Jahre zurück ins Ruhrgebiet kam, nach Krefeld, um Kunst zu studieren. Die freie Malerei war plötzlich seine Leidenschaft. Und dann, erst mit 27 Jahren, hielt er zum ersten Mal eine Kamera in der Hand. Er gab die abstrakte Kunst zugunsten der konkreten auf, er arbeitete als Assistent für Hans Lux und glitt langsam in den Kosmos der Modezeitschriften hinüber. Als sein Markenzeichen galt bald der künstlerische Umgang mit dem kommerziellen Inhalt. Wer Lindbergh buchte, bekam keine Werbung, sondern eine Allegorie der Welt in Schwarz-Weiss.

SUPERMODELS ALS KUNSTWERK

Spätestens ab Mitte der 80er-Jahre und nach seinem Umzug nach Paris fand der Mann mit der Lehrerbrille eine neue Familie. Anna Wintour übernahm 1988 die amerikanische «Vogue» und gewann Lindbergh für das erste Cover unter ihrer Ägide. Im Januar 1990 fotografierte er für die britische «Vogue» die Models Cindy Crawford, Naomi Campbell, Christy Turlington, Tatjana Patitz und Linda Evangelista zusammen. Er wollte Frauen, die auch an der Kunstakademie hätten sein können, mit Tennisschuhen statt High Heels, mit einem frechen Grinsen im Gesicht statt einer starren Pose. Das Supermodel-Phänomen war geboren. Dabei hatte Lindbergh wahrscheinlich nichts anderes als seine Ersatzfamilie abgebildet. Mit dem Boom der unerreichbaren Schönen hob auch die Karriere von Lindbergh in bisher unbekannte Sphären ab. Angeblich strich er 1992 einen Scheck mit einer siebenstelligen Summe ein, als er mit der amerikanischen «Harper’s Bazaar» einen Vertrag einging. Jede Zeitschrift gierte nach einem Peter Lindbergh, nach einer neuen Art, Mode zu erzählen, in stilisierten Aufnahmen zwischen Märchen und Moderne. Später brachte er sein Talent auf den Punkt: Fotografieren könne beinahe jeder, nur einen Standpunkt für seine Bilder entwickeln, das sei erst nach 20 Jahren Erfahrung möglich. Der deutsche Ausnahmefotograf suchte das Schöne im Individuum, das spiegeln auch seine Bilder für Omega wider. Hässlichkeit interessierte ihn nicht. Vielleicht auch, weil es an den Orten seiner Kindheit so viel davon gab. Zerbombte Städte, verarmte Menschen, geschundene Natur. «Bei richtiger Schönheit», so eines seiner Zitate, «sprechen wir über Individualität, über die Courage, man selbst zu sein, die eigene Sensibilität einer Person.» Die Nacktheit ist, wenn überhaupt, Nebensache. Oft waren es die Augen, die er in Szene setzte. Diese Blicke, die den Betrachter einzufangen scheinen und ihn verfolgen, selbst wenn er oder sie schon den Museumsraum verlassen oder die Zeitschrift zugeschlagen hat. Blicke auf die Welt, offene Kommunikationslinien, ganz grosses Kino.

DIE SUMME DER SCHÖNHEIT

25 Jahre später wiederholte Lindbergh sein Shooting von damals in Teilen. Er setzte einige der Supermodels als erwachsene Frauen an einem Strand in Szene, sie trugen nun lange Wollpullover und vielleicht die eine oder andere Lebenslinie. «Er erkennt die Schönheit reifer Frauen», sagte Cindy Crawford an jenem Tag über den Fotografen. «Mit ihrer Erfahrung, ihren gebrochenen Herzen, ihren Kindern.» Er verstand, dass die Summe dieser Erlebnisse der Schönheit einer Frau zuträglich ist. Als die Anfrage kam, die Crawfords für die Nobeluhrenmarke Omega zu fotografieren, gab es für Peter Lindbergh kein Zögern. Cindy Crawford spricht über das Geschäftsverhältnis zur Uhrenfirma als ein «familiäres», mit dem Hersteller ist sie seit mehr als 20 Jahren als Markenbotschafterin verbandelt. Ihre Tochter und den Sohn als Gesichter mit aufzunehmen, spricht für Cleverness, aber auch für Vertrauen. Peter Lindbergh wusste, wie so eine Konstellation in Szene gesetzt werden muss, die Verletzlichkeit einer Familienidylle in Bilder verwandelt. Er hat sie alle fotografiert. Kate Moss, Mads Mikkelsen. Nur ein Motiv hat er vergessen, in seinem Leben aufzunehmen. «Mir wäre damals nie die Idee gekommen, Duisburg zu fotografieren», resümierte er über die 50er-Jahre. Ein Versäumnis, das ihm leid tat.

Ein Könner seines Faches: Wer Altmeister Peter Lindbergh buchte, bekam keine Werbung, sondern eine Allegorie der Welt in Schwarz-Weiss.
Ein Könner seines Faches: Wer Altmeister Peter Lindbergh buchte, bekam keine Werbung, sondern eine Allegorie der Welt in Schwarz-Weiss.

Lebens-Bilder

Lindbergh in Kürze

Die erste Modestrecke, die Lindbergh für die amerikanische «Vogue» ablieferte, empfand die Redaktion als zu unglamourös. Lindbergh hatte die Models in weissen Hemden mit offenen Haaren am Strand abgelichtet. Erst Chefredakteurin Anna Wintour erkannte die Qualität.

Seit den 70er-Jahren lebte Lindbergh in Paris. Als er begann, für grosse Modezeitschriften zu fotografieren, gewöhnte er sich ein Ritual an. Er setzte sich am Erscheinungstag ins Café de Flore und beobachtete die Menschen, wie sie die Strecke im jeweiligen Magazin ansahen.

Lindbergh war der einzige Fotograf, der den berühmten Pirelli-Kalender drei Mal gestalten durfte. Für seine letzte Ausgabe 2017 setzte er die Frauen nicht mehr nackt, sondern bekleidet in Szene – und wählte ältere Models.

© Peter Lindbergh, Omega