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Erfolgreiches Doppel

Roséwein ist viel mehr als ein Getränk für heisse Sommerabende. In der Vergangenheit oft ein wenig belächelt, hat der Wein mit den verschiedensten rosafarbigen Schattierungen und den fruchtigen Aromen in den letzten Jahren richtig Aufwind bekommen. Jean-François und Christian Ott führen das Familienunternehmen «Domaines Ott» in der Provence in der vierten Generation.

Biz Talk

Es ist heiss an diesen ersten Septembertagen im französischen La-Londe-les Maures, das geografisch ungefähr zwischen Cannes und Hyères anzusiedeln ist. Die Rebstöcke des Weingutes Clos Mireille liegen nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Sie haben also quasi Meeresblick. Der öffentlich zugängliche Strand und das Weingut werden lediglich von einem schlichten Zaun und einem Schild getrennt mit der Aufschrift «Zutritt verboten». Das im Hintergrund langsam vorbeiziehende perlenfarbig schimmernde Segelschiff geniesst die Abendsonne, den sanften Wind und die Ruhe vermutlich genauso wie ich. Für die Trauben ist es wohl eher die Ruhe vor dem Sturm. Morgen geht für mich der lang gehegte Wunsch, einmal bei einer Weinernte dabei sein zu dürfen, endlich in Erfüllung.

Faszination Provence

Die Geschichte der Domaines Ott hat ihre Anfänge im Jahr 1896. Als der aus dem Elsass stammende Marcel Ott während einer Reise an der Mittelmeerküste haltmachte, war er von dieser Umgebung mit den für seine Idee perfekten klimatischen Bedingungen sofort fasziniert. Dank eines unglaublichen Zufalls hatte er endlich den idealen Ort für die Verwirklichung seines Traums gefunden. Der Anbau eines eigenen Weins, und zwar nicht irgendeines Weins. Marcel Ott hatte den Plan, die besten Rosé- und Weissweine der Provence zu produzieren. Den Start machte er 1912 mit dem Kauf des Château de Selle, das im 18. Jahrhundert die Residenz des Grafen der Provence war. Das Weingut mit einer Gesamtfläche von 140 Hektar, wovon 64 Hektar für den Weinanbau bestimmt sind, liegt in der Hochebene des Departement Var. 1930 erwarb Marcel Ott das Weingut Clos Mireille, gefolgt vom Château de Romassan im Jahr 1956. In den 1930er-Jahren entwarf René Ott, einer der Söhne, jene schlichte und zeitlos elegante amphorenförmige Flasche, die später zum Markenzeichen der drei Weingüter wurde. Das im Lauf der Jahre gesammelte Wissen über den Weinbau und die damit verbundenen Erfahrungen wurden von Generation zu Generation weitergereicht. Seit 2008 führen die beiden Cousins Christian und Jean-François Ott das Erbe des Gründers erfolgreich weiter.

Weinernte für Anfänger

Bei meiner Ankunft ist die Weinernte schon in vollem Gange. Angélique, die Verantwortliche für Fachbesichtigungen von Domaines Ott, erklärt mir, dass in Clos Mireille alles nah beieinander liegt. «Die kurzen Wege vereinfachen die Arbeit um ein Vielfaches. Die Fahrzeit der Traktoren von den Feldern bis zur Kelterei dauert nur wenige Minuten.» Der Vormittag ist für die Weinernte die wichtigste Zeit des Tages. Also füge ich mich am nächsten Morgen kurz nach Tagesanbruch in die Reihe der Erntehelfer ein, eine bunt gemischte Gruppe jeglichen Alters und jeglicher Couleur. Auf den Feldern angelangt, schnappt sich jeder eine Schere und einen Kübel. Dann geht’s los. Mit gezielten und schnellen Bewegungen trennen die Erntehelfer die Trauben von den Rebstöcken. Natürlich bin ich innerhalb von wenigen Minuten die Langsamste. Die Trauben sind so wunderbar prall gefüllt, dass das Schneiden nicht einfach ist und ich den Dreh erst mal rausfinden muss. Während der Traktor die Rebstöcke entlang fährt und das kostbare Gut einsammelt, sorgen junge Männer dafür, dass die gefüllten Eimer stets sofort wieder geleert werden. Da aufgrund der Hitze der Faktor Zeit eine treibende Kraft ist, bleibt wenig Raum für Gespräche. Es wird geschnitten, was das Zeug hält. Die Arbeit macht mir unendlich Spass, obwohl nach ungefähr zweieinhalb Stunden mein Rücken so hart ist wie ein Bügelbrett und ich mich fast nicht mehr aufrichten kann. Wieso hängen diese wunderbaren Trauben nur so tief! Während die Truppe in der Pause die selbst gemachten Brote isst und eifrig plaudert, versuche ich vergebens, meinen Rücken wieder ein wenig in Gang zu bringen. Einer der Helfer hat wohl Mitleid mit mir und tröstet mich, indem er mir versichert, dass alle Schmerzen verspüren. Und in den ersten Tagen der Ernte sowieso. Na dann. Einmal geschnitten, werden die Trauben dank modernster Technologien schonend gepresst und danach in die Gärtanks gefüllt, die über ein Fassungsvermögen zwischen 55 und 123 Hektolitern verfügen. Herrin dieser riesigen Kessel ist Ophélie. Die 25-jährige Technikerin hat im Agricampus in Hyères studiert und arbeitet seit einem Jahr als Kellerassistentin im Weingut Clos Mireille. Als ich ihr Reich betrete, zeigt sie gerade einer jungen Studentin namens Jo hui aus Vietnam, wie die Rohre korrekt an die Tanks angeschlossen werden. «Während der Gärungszeit wird die Flüssigkeit mittels Wasserkühlung gesteuert, um eine zu schnelle Vermehrung der Hefe zu verhindern. Die Temperatur liegt dabei konstant zwischen 15 und 18 Grad», erklärt mir Ophélie die verschiedenen Stadien der Gärprozesse, während ich mir einige Kostproben des süssen Mosts genehmige. Welch ein Genuss! Dieser wunderbare Saft hat definitiv Suchtpotenzial. Um eine lückenlose Aufzeichnung zu gewährleisten, wird jeder Schritt überprüft und genauestens protokolliert. Ein wenig später treffe ich Jo hui wieder, als sie im Keller nebenan, in dem der Weisswein gelagert wird, gekonnt in ein Eichenfass schlüpft, um die Innenwände zu überprüfen. Die Vietnamesin absolviert in Clos Mireille eine Stage von einigen Monaten, um mehr über den Weinanbau und die Produktion zu erfahren.

Klima im Wandel

Auf den drei Weingütern Clos Mireille, Château de Selle und Romassan wird eine Fläche von insgesamt 188 Hektar bewirtschaftet. Der Respekt vor der Natur und der richtige Umgang mit den natür-lichen Ressourcen sind für Christian und Jean-François Ott die Basis von allem. Genauso wichtig ist für die beiden Unternehmer die Einbindung der Erfahrung vergangener Generationen in die heutige Zeit. 100 Tage und vier Mondzyklen braucht es für eine gute Weinproduktion. «Der Aufwand pro Hektar beträgt 600 Stunden. Was die Bearbeitung der Böden betrifft, beispielsweise das Pflügen, wird mit wenigen Ausnahmen alles mechanisch erledigt. Der Rest ist Handarbeit», erklärt mir Jean-François Ott in einem Gespräch. Wir sitzen an einem schattigen Plätzchen gleich neben dem Landhaus, das im typisch mediterranen Stil gehalten ist. Im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte hat sich im Weinanbau einiges verändert. Der Klimawandel hat auch Einfluss auf die Arbeit in den Weinbergen. «Nach dem Hitzejahr 2003 haben wir begonnen, die Bepflanzung der Weinberge zu modifizieren. Wir lassen den Wurzeln drei Jahre Zeit, um sich zu akklimatisieren. Erst danach wird die Pflanze veredelt. Dies hat den Vorteil, dass die Wurzeln dreimal tiefer in die Erde eindringen, als wenn eine bereits veredelte Pflanze gesetzt wird. Sie können so vielmehr Feuchtigkeit aufnehmen und schneller wachsen. Die Erde muss immer locker sein, damit das Wasser durchsickern kann und das Wurzelwachstum nicht behindert wird. Eine weitere Rolle spielt die Höhe des Laubschnitts. Letztes Jahr haben wir die Blätter auf derjenigen Seite entfernt, wo die Morgensonne durchkommt, damit die Trauben genügend Licht erhalten. Auf der Seite der Nachmittagssonne hingegen haben wir die Blätter gelassen, um zu verhindern, dass die Trauben verbrennen. All diese Anpassungen sind aufgrund der klimatischen Veränderungen notwendig.» Da auf den Weingütern der Domaines Ott nie Chemikalien verwendet wurden, müssen die Weinberge zudem stets auf allfällige Pilze oder andere Krankheiten kontrolliert werden. Des Weiteren werden alte Rebstöcke systematisch erneuert, um eine gleichbleibend hohe Qualität der Trauben zu garantieren. Jean-François Ott bestätigt mir, dass voraussichtlich im Jahr 2021 der erste biozertifizierte Wein lanciert wird.

Gut Ding will Weile haben

Christian und Jean-François Ott sind Weinbauern aus Leidenschaft und verbringen sehr viel Zeit in den Weinbergen. «Den Fuss in der Produktion zu halten ist für uns zentral, damit wir das Gespür nicht verlieren. Unser Ziel ist es, die Qualität auf einem konstant hohen Niveau zu halten und den bestmöglichen Wein zu produzieren. Dies bedeutet aber auch, dass wir unsere Arbeit laufend in Frage stellen und Neues versuchen müssen», erklärt Jean-François Ott. Dass der 46-jährige Unternehmer seine Arbeit liebt, ist förmlich spürbar. Wer sich für den Weinanbau entscheidet, braucht Geduld und langfristiges Denken. Jedes Weinjahr erzählt eine eigene Geschichte, denn vieles hängt von externen Faktoren wie Regen oder Kälte ab, die nicht beeinflusst werden können. Änderungen jeglicher Art werden daher in kleinen Schritten vorgenommen. «Viele Investoren unterschätzen den Faktor Zeit. Innerhalb von vier Jahren ist beim Weinanbau kein Verdienst zu erwarten. Innerhalb von 84 Jahren hingegen schon. Unsere Strategien sind auf 30 bis 40 Jahre ausgerichtet. Wir setzen kleine Steine, die andere später aufnehmen und auf ihre Weise neu angliedern werden.»

Paradeweingut. Domaines Ott ist das impulsgebende, prägende Aushängeschild der Provence und steht für beste Roséweine.
Paradeweingut. Domaines Ott ist das impulsgebende, prägende Aushängeschild der Provence und steht für beste Roséweine.

Ikone der Provence

Der Name Domaines Ott bürgt seit Jahrzehnten für Qualität und einen umweltschonenden Umgang mit der Natur. 1896 vom aus dem Elsass stammenden Marcel Ott gegründet, führen Christian und Jean-François Ott das Familienunternehmen seit 2008 in der vierten Generation. Die drei Weingüter Château de Selle, Clos Mireille und Château Romassan produzieren nicht nur hervorragende Roséweine mit der unverkennbaren Ott-Signatur, sondern auch exzellente Weiss- und Rotweine. Im Jahr 2004 hat sich das Unternehmen der «Groupe Champagne Louis Roederer» angeschlossen. Die Zugehörigkeit zu einer grossen Familie mit einer ebenfalls jahrzehntelangen Erfahrung im Weinanbau erlaubt es Domaines Ott, einerseits von den etablierten Vertriebssystemen des international bekannten Champagnerproduzenten aus Reims zu profitieren und andererseits neue Synergien zu schaffen. Heute verkaufen die drei Domaines in der Provence gesamthaft 800’000 Flaschen pro Jahr. Davon gehen fast die Hälfte in Frankreich über den Ladentisch, während der Rest exportiert wird. Die renommierten «Grand Crus» von Domaines Ott werden an den Tafeln der berühmtesten Häuser der Welt serviert.

Vertrieb für die Schweiz: Maisons Marques et Domaines SA.

Informationen: http://mmdsuisse.com oder http://domaines-ott.com

© Christophe Grilhe, H. Fabre