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Einsame Spitze

Die Schuhmanufaktur Freed of London verbindet Tänzerinnen und Tänzer seit nunmehr 90 Jahren auf ganz besondere Weise mit den Brettern, die die Welt bedeuten.

Out of the Box

Ein dunkler Theatersaal, das Publikum so leise, dass man eine Stecknadel fallen lassen hören könnte. Das Scheinwerferlicht auf der Bühne folgt einer Ballerina, die in ihrer Anmut und Eleganz wirkt wie von einem anderen Stern. Grazil schwebt sie über die Bühne, scheint die Schwerkraft mühelos zu überwinden, als würden physikalische Gesetze nicht für sie gelten. Das kunstvoll gearbeitete Kostüm aus schimmernder Seide und wolkigem Tüll betont die Leichtigkeit ihrer Bewegungen. Sie springt, dreht Pirouetten und läuft sanften Schrittes in die Arme ihres männlichen Tanzpartners. Ein federleichtes und dennoch kraftvolles Wesen, getragen von unscheinbar anmutenden Schuhen, die mit sanft schimmerndem rosafarbenem Satin bedeckt sind und ihr das Unmögliche möglich machen: den Tanz auf ihren Zehenspitzen. Hinter all der Grazie, die uns als Zuschauer oft sprachlos in unserem Theatersessel zurücklässt, stehen jedoch zwei Dinge, die wir so gar nicht mit den zarten Attributen, die dem Balletttanz zugeschrieben werden, in Verbindung bringen wollen: Disziplin und harte Arbeit. Für Tänzerinnen und Tänzer, die nicht nur körperlich an die Spitze wollen, steht viel auf dem Spiel. Wie bei jedem Profisport wird der Körper an seine Grenzen gebracht, Verletzungen stellen ein ständiges Risiko dar. Neben der guten Kenntnis des eigenen Körpers und dem Einhalten von Ruhephasen ist vor allem eines unerlässlich: die richtige Ausrüstung. Wer durch die Tanzschuhmanufaktur Freed of London geht und den Mitarbeitern bei der Fertigung eines Spitzentanzschuhs zusieht, weiss schnell, dass die kostbaren Füsse der Ballerinen dieser Welt hier in besten Händen sind.

Long story short

Bevor sich Mr. und Mrs. Freed im Jahr 1929 dazu entschlossen, ihre eigene Schuhmanufaktur zu eröffnen, gab es lediglich einheitliche Spitzenschuhe zu kaufen. Doch jeder Fuss ist anders, hat eine besondere Form oder auch Fehlstellungen, die mit dem richtigen Schuh ausgeglichen werden können. Für Frederick Freed, der gelernter Spitzenschuhmacher war, war es wichtig, dass für jeden Schuh genau Mass genommen wird und die Tänzerin bis zum fertigen Produkt die Möglichkeit hat, den Schuh anzuprobieren. Neben dem Anspruch, individuelle Spitzenschuhe zu produzieren, kam das geschäftstüchtige Paar auch auf die Idee, den Produktionsprozess der einzelnen Schuhpaare zu optimieren. Bis heute werden Spitzenschuhe nach dem Wendeschuh-Prinzip gefertigt, sprich: der Schuh wird auf links produziert, und erst am Ende wird der Innenteil nach aussen gewendet. Dabei werden zahlreiche Schichten zusammengefügt, die den Schuh weich und gleichzeitig stabil machen. Zur Zeit, als Mr. Freed das Handwerk erlernte, war ein Schuhmacher für all diese Schritte allein zuständig. Das Ehepaar Freed kam auf die Idee, die einzelnen Schritte auf mehrere Personen aufzuteilen, und so waren sie in der Lage, mehr Schuhe am Tag zu produzieren. Jeder Mitarbeiter konnte sich auf einen kleinen Bereich spezialisieren, weshalb die Qualität des Endprodukts umso mehr überzeugte. Mrs. Freed, die gelernte Hutmacherin war, verbesserte zudem die Anpassung des Obermaterials der Spitzenschuhe, um einen möglichst individuellen Schuh zu garantieren. Die Qualität spricht für sich – und zwar seit beeindruckenden 90 Jahren.

Feinste Handarbeit

In Zeiten, da Produktionen wegen billiger Arbeitskräfte vermehrt in andere Staaten ausgelagert werden, kann Freed of London mit Produktionsstätten in London, Leicester und Norwich guten Gewissens «Handmade in England» auf seine Produkte schreiben. Dabei werden ausschliesslich natürlich abbaubare Stoffe verwendet. Doch von der Idee bis zum fertigen Spitzenschuh ist es ein langer Weg, ein feingliedriger Prozess, an dem pro Schuh bis zu 25 Personen beteiligt sind. Alles beginnt mit einem Besuch bei der Tänzerin, um genau zu erfahren, was benötigt wird. Danach wird die Arbeit am Schuh in den Zeitplan der zuständigen Mitarbeiter eingepasst, und wenn es so weit ist, greift der Schuhmacher in Zusammenarbeit mit seinem Vorarbeiter zu einem Schuhleisten in der Schuhgrösse der Tänzerin und beginnt der Reihe nach die Materialien zu platzieren – wie bereits erwähnt auf links. Zunächst wird die Aussensohle verkehrt aufgelegt und mit dem Deckstoff des Schuhs verbunden. Dieser kann jede erdenkliche Farbe haben, je nach Produktion und Anforderung. Klassisch ist er in hautfarbenem «Ballet Pink» gehalten. Nachdem die Festlegung auf eine Hautfarbe bei der Schuhauswahl angesichts der Vielfalt der Tänzerinnen im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäss ist, hat Freed of London seit 2018 noch zwei weitere Farben – «Ballet Bronze» und «Ballet Brown» – im Sortiment. Ist der zarte Satinstoff platziert, können je nach Auftrag über eine Art kleine Tasche im vorderen Bereich des Schuhs weitere Füllstoffe hinzugefügt werden, die den kleinen Block bilden, auf dem die Zehen der Tänzerin und damit ihr gesamtes Gewicht später ruhen werden. Sind alle Stoffe eingebracht, werden sie mit einer grossen Pinzette in den Zehenbereich hineingeschoben. Egal, ob der Zehenbereich von der Tänzerin weich oder fester gewünscht wird, die Vorderseite bleibt dank Papiermaché immer formbar, um sich beim Tanz perfekt an den Fuss anzupassen. Der Vorarbeiter nimmt eine Schnur und bindet alles zusammen, um es in Form zu halten. Danach kommt der Schuh in den Produktionsraum, wo Näher die Innensohle auf der Aussensohle fixieren und somit das Material des Zehenblocks einschliessen. Anschliessend kommt der Spitzenschuh zurück zum Schuhmacher. Er entfernt überschüssiges Material, nimmt den Schuh vom Leisten und dreht ihn auf rechts, womit der Schuh langsam seine tatsächliche Form annimmt. «Jeder Schuhmacher hat dieselbe Ausbildung, aber dennoch hat jeder seine ganz eigene Art, den Schuh in die richtige Form zu bringen. Ein Mitarbeiter sagte einmal zu mir, es ist ein wenig wie bei den Frauen auf Kuba, die in den Fabriken die Zigarren rollen. Jede hat ihre eigene Handschrift», erklärt Sophie Simpson, die für Freed of London als Senior Manager for Retail and Ballet Company Sales tätig ist. Nach dem Abnehmen wird die Einlegesohle eingebracht, der Schuh wird wieder auf die Schuhleiste gespannt, und der Schuhmacher bearbeitet den Schuh mit einer Art Hammer, um ihn in die richtige Form zu bringen, damit die Tänzerin guten Halt im Schuh findet. Danach wandern die Spitzenschuhe über Nacht in einen Ofen, wo sie bei niedriger Temperatur getrocknet werden. Am nächsten Tag werden sie auf ihre Qualität überprüft und in den Finishing Room gebracht, wo sie von Hand vermessen, angepasst und mit der Bindung versehen werden. Zum Abschluss werden die Schuhe gereinigt, final überprüft, verpackt und an die Tänzerin verschickt.

Alles für die Tänzer

Ist die Tänzerin zufrieden, werden alle weiteren Schuhe, die sie im Lauf ihrer Karriere braucht, nach den vermerkten Abmessungen und Spezifikationen erstellt, solange bis sie diese anpassen lässt. Dabei bleiben die Tänzerinnen gern «ihrem» Schuhmacher treu, und dieser darf sich bei Freed of London mit seinem ganz persönlichen Symbol auf der Schuhsohle verewigen. Schliesslich ist jeder Schuh ein mit viel Liebe fürs Detail gefertigtes Einzelstück. In Handarbeit hergestellt von Mitarbeitern, die mitunter bereits seit 40 Jahren im Unternehmen sind und vermutlich nicht mehr zählen können, wie viele Spitzenschuhe sie im Lauf ihrer Karriere schon gestaltet haben. Innerhalb eines Jahres «vertanzt» eine professionelle Ballerina bis zu 100 Paar Spitzenschuhe. Die Schuhmacher bei Freed of London brauchen sich um ihren Job also keine Sorgen zu machen, arbeiten sie doch mit berühmten Opernhäusern und Tanzensembles in aller Welt zusammen – von der Scala in Mailand über die Oper in Zürich bis hin zum Bolschoi-Ballett. Aber auch die normale Bürgerin, die ihre Freizeit gern am Barre verbringt, jedoch über eine besondere Fussform verfügt oder Schuhgrösse 44 hat, kann bei der Manufaktur ihr ganz persönliches Paar Spitzenschuhe in Auftrag geben. Alle Passformen innerhalb der Norm können Tanzbegeisterte im Shop von Freed of London im Herzen der Londoner Theaterwelt, dem West End, kaufen. Für rund CHF 55 ist man dabei und kann auch gleich sein übriges Tanzoutfit erstehen. Obwohl die Manufaktur vor allem für ihre Spitzenschuhe bekannt ist, produziert sie ebenso Schuhe für Standard- und Stepptänzer. «Unsere Philosophie ist dabei stets gleich, egal ob der Kunde ein Profi- oder ein Hobbytänzer ist: Für uns stehen professioneller Service und höchste Qualität an oberster Stelle», sagt Sophie Simpson, die ihre Familie bereits in zweiter Generation bei Freed of London vertritt. Vielleicht ist das die wahre Definition eines Qualitätsunternehmens – eine Firma, deren Werte mittlerweile fast ein Jahrhundert lang alle überzeugen, von der grazilen Ballerina über den treuen Schuhmacher bis hin zum Kind, das zum ersten Mal Ballettschuhe anzieht und die Magie des Augenblicks erlebt, wenn eine neue Leidenschaft entdeckt wird.

90 Jahre Spitzentanz:Im Jahr 1929 wurde die Tanzschuhmanufaktur Freed of London von Mr. und Mrs. Freed gegründet.
90 Jahre Spitzentanz:Im Jahr 1929 wurde die Tanzschuhmanufaktur Freed of London von Mr. und Mrs. Freed gegründet.

VOM ANFANG BIS ZUR SPITZE

Die Geschichte des Balletttanzes

Seinen Anfang nahm das Ballett im 15. Jahrhundert. Es entwickelte sich aus den an Fürstenhöfen aufgeführten Schauspielen. 1661 schliesslich gründete Ludwig XIV. die Académie Royale de danse in Paris, wo sich das Ballett weiter zur eigenständigen Kunstform entwickelte. Jean Georges Noverre war Mitte des 18. Jahrhunderts der Erste, der daran glaubte, dass ein Drama mit den Mitteln des Tanzes gestaltet werden kann. Seine Blütezeit erlebte das Ballett jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Russland. Hier entstanden klassische Meisterwerke wie «Schwanensee» oder «Der Nussknacker», die am Mariinski-Theater in St. Petersburg oder am Bolschoi-Theater Moskau uraufgeführt wurden.

Qualität auf die Spitze gebracht: http://freedoflondon.com

© Freed of London, Dancers Eye/Freed of London