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Denken ist merkwürdig

Feinste Kopfarbeit: Der Neurowissenschafter und Gedächtnissportler Dr. Boris Nikolai Konrad über Erkenntnisse und Tricks zur Erinnerungsleistung.

Science Talk

Folgende Situation ist Ihnen sicher schon einmal passiert: Sie werden jemandem vorgestellt, geben ihm die Hand, erfahren seinen Namen – und haben im selben Moment wieder vergessen, wie Ihr Gegenüber heisst. Dr. Boris Nikolai Konrad, Gedächtnissportler und Neurowissenschafter aus Deutschland, ist seit Ewigkeiten nicht mehr in so eine peinliche Lage geraten. Sein Gedächtnis ist buchstäblich fit wie ein Turnschuh. Kein Wunder, denn er hält es täglich mit Gehirngymnastik in Schwung. Nach einem langen Seminartag betritt er hellwach und höchst aufmerksam die Österreichische Nationalbibliothek, in der unser Interview stattfinden wird. Von geistiger Müdigkeit keine Spur, obwohl er sich heute mindestens schon zwei Dutzend Namen gemerkt haben muss – und ausserdem, quasi ganz nebenbei, die Namen aller 23 Wiener Bezirke auswendig gelernt hat. Sich Wissen nachhaltig und schnell anzueignen habe nichts mit Intelligenz zu tun, meint Boris Konrad. Warum wir alle unser Gedächtnis so trainieren sollten wie unseren Körper, erklärt er im Interview.

Herr Konrad, was genau können wir in Ihren Seminaren lernen?

Der Überbegriff für all die Gedächtnistechniken, mit denen ich arbeite, stammt aus dem Griechischen und heisst «Mnemotechnik». Es geht um das Denken in Bildern. Wenn wir unserem Gehirn Bilder anbieten, kann es damit viel mehr anfangen als mit Namen, Fakten, Daten oder anderen schwierigen Inhalten. Aus der Evolutionsgeschichte heraus war es für unser Überleben wichtig, dass wir uns Orte merken und diese mit Inhalten versehen konnten – also beispielsweise gefährliche von ungefährlichen Orten unterscheiden. Diese bildhafte Gedächtnisstrategie können wir uns nutzbar machen, indem wir Inhalte durch Bilder für das Gehirn besser greifbar machen.

Wie dürfen wir uns eine solche Bildermethode genau vorstellen?

Die bekannteste ist wahrscheinlich die sogenannte Loci-Methode, auch «Gedächtnispalast» genannt. Dabei wird zunächst ein Bilderweg vorbereitet. Mit meinen Seminarteilnehmern habe ich das heute am Stephansplatz gemacht. Wir haben bei einem Spaziergang verschiedene Orte um den Dom herum definiert. Die Pferdekutschen, das Eingangsportal, solche Orte stellen den Hintergrund dar für unsere Gedächtnisbilder. Wenn ich jetzt in Gedanken an diese Plätze zurückgehe und mir vorstelle, dass da skurrile, ungewöhnliche Dinge passiert sind, und das dann mit verschiedenen Inhalten verbinde, die ich lernen möchte, kann ich mir alles viel besser merken. Namen, Spielkarten, die 23 Wiener Bezirke, einfach alles, was ich will. Ich muss nur die Information mit dem Ort und dem Geschehen verbinden.

Ist das eine wissenschaftliche Methode, deren Wirksamkeit durch Studien untermauert wird?

Da ist noch vieles unerforscht! Es gab in den letzten Jahrzehnten viele Studien, die zu dem Ergebnis kamen, dass diese Techniken – wenn sie erstens richtig gelernt und zweitens auch geübt werden – tatsächlich Erfolge zeigen. Auch ich selbst forsche als Neurowissenschafter in diesem Bereich: Mir geht es darum aufzuzeigen, nicht dass, sondern warum das Gedächtnistraining funktioniert und was dabei im Gehirn passiert. Wir versuchen, dieses Geheimnis mittels Kernspintomografie ein wenig zu lüften.

Was wollte ich eben sagen? Ach ja, warum können wir uns manches so schlecht merken?

Unser Gehirn ist sehr lernfähig und kann sich an viele Dinge anpassen. Es hat sich über die Evolution hinweg zu dem entwickelt, was es heute ist. Doch die Evolution ist ein sehr langsamer Vorgang. Wir müssen uns klarmachen, dass wir erst vor wenigen tausend Jahren die Schrift entwickelt haben. Es ist wenig verwunderlich, dass unser Gehirn nicht dafür gemacht ist, geschriebene Dinge – und schon gar nicht Millionen über das Internet auf uns einprasselnde Informationen – zu behalten. Aber wenn wir es schaffen, unserem Gehirn die Dinge so bildhaft zu präsentieren, dass es damit besonders gut umgehen kann, weil es dafür gemacht ist, dann öffnen wir damit Potenziale, die bei jedem schon da sind.

Wie sind Erinnerung und Emotion verbunden?

Erinnerung, Gedächtnis und Emotion haben extrem viel miteinander zu tun. Sie laufen zusammen im limbischen System, einer innenliegenden Gehirnregion, die Gefühle verarbeitet. Emotionslose Inhalte, die wir auswendig lernen müssen, fallen uns besonders schwer. Andererseits aber merken wir uns Dinge, wenn wir ihnen eine Emotion zuschreiben, ob die nun echt ist oder nicht. Wenn ich jemanden kennenlerne, auch wenn das eine interessante Person ist: Der Name bedeutet mir erst einmal nichts. Ob jemand Thomas, Peter oder Franz heisst, ist vorerst egal. Wenn ich dem Namen aber eine Emotion gebe, indem ich ein lustiges Bild daraus mache, zum Beispiel wie Thomas in eine Tomate hineinbeisst und der Saft spritzt und es sehr lustig aussieht, dann aktiviere ich diese Zentren, die für Emotionen zuständig sind, und merke mir auch diese eigentlich emotionslosen Dinge.

Warum vergessen wir manches?

Unser Gehirn kombiniert und abstrahiert die ganze Zeit, sonst würden wir vor lauter Eindrücken wahnsinnig werden. Und auch wenn wir glauben, wir erinnern uns an etwas, stimmt das oft gar nicht. Unser Gehirn rekonstruiert eine Erinnerung für uns, die auf echten Fakten und schematischem Wissen beruht. Zum Beispiel erinnere ich mich an einen Kaffee beim Frühstück, weil ich immer einen trinke, obwohl vielleicht an dem Tag der Kaffee gerade aus war. Vergessen passiert aber auch dort, wo es nicht nötig ist. Wenn eine Information vergessen wird, waren vielleicht nicht genug Verbindungen zu anderem Wissen da. Namen sind so ein Beispiel oder auch der Stoff, der im Studium gelernt werden muss. Bei solch «trockenem» Wissen geht es darum, sich die Verknüpfungen im Gehirn eben anders aufzubauen, um das Vergessen zu verhindern.

Gedächtnismeister - Unser Gehirn lässt sich ähnlich wie unsere Muskulatur trainieren.
Gedächtnismeister - Unser Gehirn lässt sich ähnlich wie unsere Muskulatur trainieren.

Wenn Gedächtnisleistung nichts mit Intelligenz, sondern mit Training zu tun hat: Was unterscheidet denn intelligente von weniger intelligenten Menschen?

Man weiss, dass die Denkgeschwindigkeit in gewissen Bereichen bei intelligenten Menschen etwas höher ist. Das heisst, wenn wir jetzt hundert Menschen von der Strasse einladen, einen Gedächtnis- und einen Intelligenztest zu machen, werden diese Ergebnisse korrelieren. Intelligente Menschen haben per se eine bessere Gedächtnisleistung. Da gibt es einen Zusammenhang. Aber: Ich kann mit diesen hundert Menschen mein Gedächtnistraining machen, und alle werden davon profitieren. Wenn all diese Menschen sechs Wochen üben, wie das die Teilnehmer meiner Studie getan haben, werden sich am Ende alle verbessern. Der schlechteste Teilnehmer wird wahrscheinlich besser sein, als der beste vor dem Training war.

Gedächtnistraining bringt also recht schnell Ergebnisse hervor. Wie weit lässt sich die Gedächtnisleistung aber insgesamt steigern?

Üben ist wichtig! Wir sollten täglich ein paar Minuten unser Gedächtnis trainieren. Sich den Einkaufszettel zu merken geht sehr schnell, aber mit Üben können wir ganz andere Dimensionen erreichen. Etwa Chinesisch lernen oder eben ein Studium schneller absolvieren. Unsere wissenschaftlichen Studien zeigen beispielsweise, dass sich jemand vor dem Gedächtnisseminar 20 Zahlen merken konnte, danach vielleicht 30 Zahlen und nach sechs Wochen Training fast schon 100 Zahlen! Grundsätzlich ist das aber wie im Sport: Wer nicht fit ist, profitiert am Anfang vielleicht sehr davon, laufen zu gehen. Jemand, der schon sehr fit ist, muss für wenig Verbesserung dann sehr viel tun.

«Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, Millionen über das Internet auf uns einprasselnde Informationen zu behalten.»

Gedächtnistraining ist Sport?

Ja, es ist messbar, dass der Energiebedarf bei Denksportwettkämpfen steigt! Davon abgesehen: Der Gedächtnissport sorgt für die geistige Fitness, und das ist ähnlich wichtig wie die körperliche Fitness. Wir möchten im Alter ja nicht nur keinen Herzinfarkt, sondern auch kein Alzheimer haben. Oft treffe ich auch Menschen, die sagen, ich würde gern noch diese Fortbildung machen, aber mit 40 traue ich mir das nicht mehr zu, neben dem Beruf noch so viel zu lernen. Das tut mir dann immer richtig leid, denn: Wenn wir wissen, wie wir lernen, ist das alles kein Problem!

Schützt Gedächtnissport also vor Krankheiten?

Wahrscheinlich sind sie nicht zu verhindern, aber Gedächtnissport hilft, länger gesund zu leben, das haben Studien bereits gezeigt. Er zögert den Ausbruch der Krankheit hinaus. Es gibt viele Studien, die ausrechnen, wie viel Geld sich sparen liesse, wenn sich solche Krankheiten wie Alzheimer und Demenz bei jedem einzelnen Patienten auch nur um ein paar Jahre verzögerten. Wir hätten jedenfalls 30 Prozent weniger Patienten zu betreuen.

Wir sind ja die Generation des Informationszeitalters. Wie steht es um unser Gedächtnis angesichts der digitalen Flut?

Es gibt ein Zitat von Platon um 400 vor Christus: Er hätte gesagt, dass wir doch besser die Schrift nicht hätten einführen sollen, weil die nur unser Gedächtnis kaputt macht! Wir können heute auf Wissen zugreifen, von dem wir damals nur geträumt hätten. Das können wir produktiv nutzen und unser Wissen erweitern. Wenn wir aber sagen, ich muss mir nichts mehr merken, weil ich kann ja alles googeln, dann wird auch unsere Gedächtnisleistung immer weiter nachlassen. Im Moment besagen wissenschaftliche Studien, dass die Tendenz dahin geht, dass Schüler, die von der Schule abgehen, weniger Fachwissen behalten haben als noch vor Jahrzehnten. Neue Ideen, neue Gedanken können sich aber nur dort entwickeln, wo bereits Wissen vorhanden ist. Medienkompetenz wäre das Schlagwort für die Zukunft – damit das menschliche Gedächtnis in Zukunft nicht abbaut, sondern sich weiterentwickelt.

Vielen Dank für das Gespräch!

DENKANSTÖSSE

LEBENSLAUF

Boris Nikolai Konrad wurde 1984 in Bochum geboren. Er war ein durchschnittlicher Schüler, bis er kurz vor seinem Abschluss einige Methoden zur Verbesserung der Gedächtnisleistung kennenlernte. Durch sie meisterte er zwei Studiengänge (Physik und Informatik) in der Zeit von einem – mit Bestleistungen. Aktuell arbeitet er am Donders Institute für kognitive Neurowissenschaften im niederländischen Nijmegen. Er forscht im Bereich Neuroimaging an den neuronalen Grundlagen aussergewöhnlicher Gedächtnisleistungen. Seit über 15 Jahren ist Dr. Konrad auch Gedächtnissportler und stellte mehrere Weltrekorde auf. 2014 merkte er sich 56 Hauptstädte in der richtigen Reihenfolge binnen einer Minute und kam damit ins Guinness Buch der Rekorde. Regelmässig erscheinen seine Bücher über Gedächtnistraining; zuletzt 2016 «Alles nur in meinem Kopf – Die Geheimnisse unseres Gehirns» im Ariston Verlag. Boris Konrad können Sie auch als Vortragsredner und Seminartrainer für Gedächtnistrainings buchen.

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