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Alles klingt!

Welchen Klang erzeugen Bäume im Trockenstress? Welche Töne gibt der gequälte Amazonasboden von sich? Der Zürcher Forscher, Künstler und Musiker Marcus Maeder macht Umweltgeräusche hörbar.

Lifetime

Wer ihm erzählt, er höre das Graswachsen, kann Marcus Maeder nicht wirklich beeindrucken. Inseinem Forschungsprojekt «treelab» machte der Schweizer 2015 zusammen mit Roman Zweifel mittels Sonifikation und Mikroklimamessungen die Trockenstressgeräusche von Bäumen hörbar. Das Projekt wurde im selben Jahr auf der Klimakonferenz in Paris gezeigt und erhielt 2017 eine Auszeichnung der Europäischen Kommission und des Ars Electronica Festivals. Geboren wurde Marcus Maeder 1971 in Zürich. Er studierte Freie Kunst in Luzern und anschliessend Philosophie in Hagen in Deutschland. Zurzeit arbeitet er an seinem Doktorat in Umweltsystemwissenschaften an der ETH Zürich. Auf den Klangder Natur ist Marcus Maeder über seine Leidenschaft für die Musik gekommen. «Während meines Kunststudiums hörte ich zum ersten Mal Alvin Luciers Stück ‹I am sitting in a room›. Das hat mich dazu gebracht, zu versuchen, Kunst nur mit Klängen zu machen. Gleichzeitig bekamen Mitte der 90er-Jahre die elektronische Musik und Techno enormen Aufschwung. Ich bewegte mich damals zwischen Kunsträumen und Clubs – als Künstler, Musiker, Kurator. Die Rollen waren nicht festgeschrieben, und das ist ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Identität geblieben: Hybridität», erklärt Maeder die Anfänge seiner Arbeit. 1996 gründete er zusammen mit Bernd Schurer das Musiklabel «domizil», das aus einem Akt der Selbsthilfe entstand, da es zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz kein Label gab, das die Musik der beiden produziert hätte. Der Name ist dem Umstand zu verdanken, dass dank Laptop und Digitaltechnologie kein Studio mehr für Musikaufnahmen nötig war, sondern sie einfachim Wohnzimmer erschaffen werden konnten. Bis heute ist das Label für Maedereine Plattform für elektronische und Computermusik, das aber auch Erweiterungenin andere Gebiete wie Kunst und dieNaturwissenschaften zulässt. Musik inWorte zu fassen ist schwierig. Dass einem die Worte fehlen, um Gefühle auszudrücken, ist ja gerade meist der Grund, warum Künstler Musik machen. Maeders Klanglandschaften haben oft den Charakter fiktiver akustischer Prozesse, Objekte und Räume. Manchmal stellt seine musikalische Fiktion aber eben auch Dinge in der Natur dar, die jenseits unseres Vorstellungs- und Wahrnehmungsvermögens liegen. «Ich konstruiere, ‹male› Dinge, Objekte, Prozesse mit Klängen. Das kann bisweilen dunkel und unheimlich klingen – etwa so, wie ein Bild von René Magritte tönen würde», erläutert Maeder.

Klangvolle Ökologie

Wie kommt jemand nun von der elektronischen Klangkulisse aus Clubs der 90er-Jahre zum Rauschen der Bäume und zu einem Studium der Umweltsystemwissenschaften? Laut Maeder ist es bei der Auseinandersetzung mit Klangkunst beinahe unausweichlich, eines Tages mit Mikrofon und Aufnahmegerät draussen in der freien Natur zu stehen. Bald reichte es ihm nicht mehr, die Umwelt zu hören und künstlerisch zu bearbeiten, er wollte sie auch naturwissenschaftlich verstehen: «So bewegte sich meine Forschungsarbeitdann sehr schnell ins Feld der Acoustic Ecology. Hinzu kam das Bedürfnis, mich als Künstler und Forscher aktiv mit Umweltproblemen und unserem Naturverständnis zu beschäftigen.» Unter Acoustic Ecology, begründet vomkanadischen Komponisten Ron M. Schafer, wird die ökologische Interpretation von Umweltgeräuschen verstanden. Es wird aber auch untersucht, welchen Einfluss der Mensch auf die Geräusche der Umwelt hat und diese umgekehrt auf ihn. Das anfangs erwähnte «treelab» macht über Datensonifikation die Effekte des Klimawandels direkt erfahrbar. Ein Thema, das Marcus Maeder sehr am Herzen liegt. Das Projekt «AmazonFace», an dem Maeder seit zwei Jahren arbeitet, beschäftigt sich beispielsweise mit den Auswirkungen, die der erhöhte CO2-Gehalt in der Atmosphäre auf den Regenwald Amazoniens hat. Beim Forschungsprojekt «Sounding Soil» geht es darum, die Biodiversität im Boden akustisch zu messen und eine Klanginstallation zu kreieren, dieden Zuhörer für das Ökosystem Boden sensibilisiert. Maeder hat es sich zur Aufgabe gemacht, Unvorstellbares und Aussergewöhnliches mit Klang zu erfüllen, seies in Form von Klanginstallationen, Hörspielen oder elektronischer Musik. Und nebenbei verbessert er dabei die Welt.

© Christian Beutler